Der Gegenentwurf

30. Mai 2011

Das Erscheinungsbild eines Menschen täuscht mitunter über die wahre Persönlichkeit hinweg. Zierliche Gestalten entpuppen sich oftmals als quirlige Energiebündel. Und hinter manch protzigem Kraftpaket steckt in Wirklichkeit ein verweichlichter Duckmäuser. Schein und Sein haben eben doch manchmal herzlich wenig miteinander zu tun.

Bei Sigmar Gabriel ist das anders. Sigmar Gabriel ist eine grobschlächtige Erscheinung, stämmig, ungehobelt, burschikos, ein tapsiger Bär mit der dumpf-dreisten Aura eines Marktschreiers. Sigmar Gabriel ist so, wie er ausschaut. Er liebt die lauten Töne und er hasst es, wenn von seiner Anwesenheit keine Notiz genommen wird.

Pointierte Analysen sind nicht sein Ding. Sigmar Gabriel liebt die gezielte Provokation, ist sie doch noch immer das beste Mittel, das allgegenwärtige Ziel zu erreichen: Sich selbst im Gespräch zu halten. Als Selbstdarsteller nimmt Gabriel auf dem Berliner Parkett an sich keine Sonderrolle ein. Was sein Auftreten einzigartig macht, ist vielmehr die Schamlosigkeit, mit der seine Person immer wieder in den Vordergrund zu stellen pflegt.

Da verzichtet man schon gerne mal auf langfristige Konzepte und haut der allgemeinen Aufmerksamkeit halber lieber ein paar provokative Plattitüden in den Raum. Ganz egal, welch Scherbenhaufen man damit auch anrichten mag. So ruft Gabriels Gehabe unweigerlich das Bild des Elefanten im Porzellanladen in Erinnerung.

Peer Steinbrück und Sigmar Gabriel haben nicht viel miteinander gemein. Beide sind sie Sozialdemokraten und beide lieben sie die Provokation. Doch während Gabriel dafür zumeist den Säbel zückt, greift Steinbrück lieber auf das intellektuelle Florett zurück. Steinbrück ist einer der wenigen Feingeister der hohen Politik, ein brillanter Analytiker, der die Wirkung seiner Worte abzuschätzen vermag. Steinbrück weiß, was er sagt. Ihm ist die Sache – anders als seinem Parteivorsitzenden – wichtiger als demoskopisches Kalkül.

Nicht zuletzt deshalb gilt Steinbrück gemeinhin als wenig volksnah. Viele sehen in ihm den abgehobenen Intellektuellen, einen elitären Sonderling, der um seine geistige Kraft weiß und diese nur allzu gerne zur Schau stellt. Da verwundert es kaum, dass er mit Helmut Schmidt seinen größten Fürsprecher ausgerechnet in dem SPD-Mann findet, dem genau dieses Stigma über weite Strecken seiner politischen Karriere ebenfalls anhaftete.

Ja, Steinbrück mag zuweilen arrogant wirken. Aber irgendwie ist man geneigt, ihm diese Überheblichkeit zu verzeihen. Zu selten findet man dieser Tage Politiker seines Formats. Einen scharfsinnigen Fachpolitiker mit Weitblick und Gespür für das, was notwendig ist. Er ist einer der wenigen SPD-Politiker, denen man derzeit das Amt des Bundeskanzlers zutrauen würde. Er ist so etwas wie der wohltuende Gegenentwurf zu Sigmar Gabriel – sowohl was die äußere Erscheinung als auch was die innere Haltung betrifft. Und deshalb ist es zu begrüßen, dass er sich selbst, wie er unlängst geäußert hat, dieser Aufgabe auch stellen würde.

Es bleibt nur zu hoffen, dass auch Sigmar Gabriel das so sieht und seine Person ausnahmsweise mal in den Hintergrund stellt. Zumindest im Sinne der SPD kann man sich diese Einsicht nur wünschen.

Befremden

23. Mai 2011

Kritik an den USA kann mitunter eine verfängliche Sache sein. Wer als Westeuropäer ob US-amerikanischer Agitationen die Nase rümpft, gilt schnell als unsolidarisch oder – insbesondere wenn er aus Deutschland kommt – als undankbar. Es gehört nicht viel dazu, sich das Stigma des Anti-Amerikanismus zu verdienen.

Das weiß ich und das ärgert mich. Nicht zuletzt weil ich überzeugt bin, dass viele der Differenzen zwischen diesseits und jenseits des großen Teiches trotz Beschwörung einer gemeinsamen Wertebasis eben vor allen Dingen kulturell bedingt sind. Es gibt denn auch wahrscheinlich kein Richtig und kein Falsch, sondern lediglich die Frage der Perspektive.

Womöglich ist es denn auch keine Kritik, wenn ich ganz nüchtern feststelle, dass mich die öffentlichen Reaktionen in den USA auf den Tod Osama Bin Ladens ein wenig – sagen wir – befremdet haben. Ja, es bereitet mir Unbehagen, wenn Menschen in Volkfeststimmung das Ableben eines Menschen bejubeln – selbst wenn es sich dabei um den größten Schurken der Gegenwart handeln mag.

Womöglich sollte mich die Geschichte meines eigenen Landes in dem Punkt eines Besseren lehren. Oder wäre ein gelungenes Attentat auf Hitler seinerzeit nicht auch eine Erlösung für Deutschland und damit ein Grund zur Freude gewesen? Wohl doch, oder? Mag sein, dass man Bin Laden und Hitler (wie alle Personen der Geschichte) nicht miteinander vergleichen sollte. Aber immerhin müsste mir dieses Beispiel doch zeigen, dass der Tod eines Menschen sehr wohl Anlass zum Jubel geben kann.

Vielleicht ist die Frage, welche Reaktion man auf den Tod Bin Ladens für angemessen erachtet, auch kein Aspekt der historischen Bildung, sondern der persönlichen Sozialisation. Vielleicht sollte ich mir als Deutscher auch kein Urteil über ein Land erlauben, das viel stärker von der Geißel des Terrors betroffen ist als mein Heimatland. Vielleicht ist es aber auch mein gutes Recht, mein Befremden zumindest vorsichtig zum Ausdruck zu bringen.

Zumal mein Befremden wohl auch damit zu tun hat, dass ich die Euphorie dieser Tage nicht so recht verstehen kann. Gewiss, Osama Bin Laden war nicht nur der Kopf von Al-Kaida, er war das Sinnbild einer allgegenwärtigen, unsichtbaren Bedrohung. Aber gehört diese Bedrohung jetzt wirklich der Vergangenheit an? Oder wird womöglich alles nicht vielleicht noch schlimmer? Schraubt sich die Spirale der Gewalt des Hasses in neue Höhen? So genau weiß dies derzeit wohl niemand. Für Erleichterung besteht aber derzeit wohl nun wahrlich kein Anlass.

Und ja, mein Befremden erklärt sich auch daraus, dass mich die Eindrücke der jubelnden Massen auf den Straßen der USA an altbekannte Bilder aus dem Nahen Osten erinnerten. An Szenarien des zur Schau gestellten Hasses, wie wir sie uns seinerzeit für unsere westliche Welt nicht vorstellen konnten. Damals.

Nur die Stimme zählt

16. Mai 2011

Dass gute Musik ein vielfältiges Instrumentarium voraussetzt, ist eine Legende, die man ohne weiteres als widerlegt betrachten darf. Auch die musikalische Qualität hat eben nichts mit Quantität zu tun. Mitunter genügt auch ein einziges Instrument, selbst wenn dies „nur“ die menschliche Stimme ist. A-Cappella Bands wie die Wise Guys oder Basta haben uns gezeigt, wie ein variantenreicher und kreativer Gesang jeden Wunsch nach instrumentaler Begleitung vergessen lässt.

Auch die „Kellner“ aus Lohmar sind ein solches Ensemble talentierter Stimmakrobaten, das seine Zuhörer allein mit der Kraft ihrer Stimmen zu überzeugen und zu unterhalten weiß. Seit 15 Jahren sind sie nun schon als A-cappella-Band unterwegs und haben sich dabei weit über die lokalen Grenzen hinaus einen Namen gemacht. Ihren eigenen Namen verdankt die heute fünfköpfige Vokalgruppe übrigens der Geburtstagsfeier ihres Jugendchorleiters, bei der die Mitglieder seinerzeit nicht nur die Bewirtung übernahmen, sondern sich aus um das akustische Wohl der Gäste kümmerten.

Getreu der Gründungsidee wollten die damals noch sieben Kellner zunächst nur bei Geburtstagen und Jubiläen auftreten. Die positive Resonanz ermutigte die junge A-cappella-Gruppe aber zu immer größeren Auftritten. Eigene Konzerte und Teilnahmen an Gesangsfestivals ließen nicht lange auf sich warten und machten aus den einstigen Hobbysängern kleine Gesangsprofis, die das Singen aber bis heute weniger als Pflicht denn als Leidenschaft begreifen. Der Spaß steht nach wie vor an vorderster Stelle – dies gilt für die singenden Protagonisten genauso wie für ihrer Zuhörer, denen die Kellner stets eine bunte Mischung aus Musik und Humor anbieten wollen.

Trotz oder gerade wegen ihrer entspannten Einstellung können die Kellner nach 15 Jahren eine beeindruckende Erfolgsbilanz vorweisen, deren Höhepunkte der Auftritt als Vorgruppe von Guildo Horn und das erste eigene Konzert in der Siegburger Stadthalle im Mai 2003 darstellen. Im gleichen Jahr veröffentlichten die Kellner auch ihr erstes Album „Just A-Cappella“, das bislang noch ihr einziges ist. Aber das könnte sich schon bald ändern…