Zweimal schuldig

27. Juni 2011

Wenn Aussage gegen Aussage steht, dann ist die Wahrheit oftmals nicht zu ermitteln. Und für die Angeklagten greift die Unschuldsvermutung. Was in unserem Rechtssystem eine Selbstverständlichkeit darstellt, beansprucht im Profifußball keine Geltung. So jedenfalls lautet die wohl wichtigste Lehre aus der Kempter-Amerell-Affäre, die die deutschen Fußballfans vor gut einem Jahr in Atem hielt.

Aber auch das jüngste Duell zwischen Nationaltrainer Joachim Löw und seinem einstigen Capitano Michael Ballack beweist, dass im Fußball auch bei widersprüchlichen, jeweils nicht belegbaren Darstellungen eine eindeutige Schuldfeststellung durchaus möglich sein kann. Denn auch wenn wir nicht wissen, wer denn nun die Wahrheit spricht, sind die Schuldigen eindeutig zu ermitteln. Man vermag nicht zu beurteilen, ob und wenn ja, wann Löw Ballack denn nun über seine Ausbootung infomiert hat. Man weiß nicht, ob man Ende März wirklich eine einvernehmliche Entscheidung gefällt hat, deren Verkündung bewusst auf den Sommer verschoben wurde. Man kann nicht wirklich einschätzen, in welcher Form und Atmosphäre die Gespräche denn nun stattgefunden haben.

Und trotzdem weiß man, wer die Verantwortlichen für den jüngsten Eklat sind: Michael Ballack und Joachim Löw, beide müssen sie sich den Vorwurf gefallen lassen, das derzeitige Kindergartentheater (eine andere Umschreibung würde dem unwürdigen Schauspiel wohl kaum gerecht) mit verursacht zu haben – ganz gleich, wie denn nun ihre Korrespondenz in den letzten Wochen und Monaten genau ausgesehen hat.

Michael Ballack mimt in diesem peinlichen Laienschauspiel wie üblich die beleidigte Leberwurst und kokettiert fast schon traditionell mit dem Schmerz der gekränkten Eitelkeit. So lesen sich seine jüngsten Presseerklärungen wie ein einziges frusterfülltes Menno eines uneinsichtigen Fünfjährigen. Möglicherweise ist der gegen Löw gerichtete Vorwurf der Scheinheiligkeit dabei in der Sache durchaus berechtigt. Und dennoch würde man dem einstigen deutschen Vorzeigefußballer mehr Souveränität im Umgang mit persönlichen Dingen wünschen. Und nicht zuletzt auch ein wenig mehr Einsicht bei der Beurteilung der eigenen Klasse.

Denn fachlich gesehen gibt es an Löws Entschluss, Ballack nicht weiter in die Nationalmannschaft zu berufen, nichts auszusetzen. Gerade deshalb – und hierin liegt der Hauptvorwurf gegenüber Löw – hätte er diese Entscheidung schon früher (spätestens in der letzten Winterpause) Ballack und der Öffentlichkeit mitteilen müssen. Ein Schmierentheater, wie wir es derzeit erleben müssen, wäre uns damit aller Voraussicht nach erspart geblieben. Zumal jedem einigermaßen aufmerksamen Beobachter seit der jüngsten Weltmeisterschaft klar sein musste, dass Ballacks Zeit im deutschen Auswahlteam abgelaufen ist. Dies ist eine harte und wohl auch traurige Erkenntnis, die Löw gleichwohl umso deutlicher hätte kommunizieren müssen, um jedweden Missverständnissen vorzubeugen.

Wieder aber einmal zeigt sich hieran, dass Joachim Löw, der an sich ein absoluter Glücksfall für den deutschen Fußball ist, sich nach wie vor bedenklich schwer tut im Umgang mit komplizierten Charakteren. Und vielleicht ist diese Schwäche auch eine Erklärung, weshalb es der deutschen Nationalmannschaft trotz aller Klasse im Moment an echten Führungsfiguren mangelt.

Krisenverhältnisse

20. Juni 2011

Was ist eigentlich typisch deutsch? Sauerkraut? Bier? Oder doch eher Hysterie, Verkrampfung und Engstirnigkeit. Irgendwie wohl schon. Und so sehr man hierin auch typisch deutsche Attitüden erblicken mag, so wenig taugt die EHEC-Krise doch als ihr Beleg. Ja, in der Tat nahm die Aufregung um die gefährliche Epidemie zuweilen hysterische Züge an. Andererseits ist das eben auch nicht wirklich verwunderlich angesichts einer Krise, deren Ursprung und Ausmaß über lange Zeit nicht absehbar waren.

Da ist es zumindest nachvollziehbar, dass vor dem Verzehr bestimmter Gemüsesorten gewarnt wird, noch eher deren Gefährlichkeit definitiv nachgewiesen ist. Das hat mit Panikmache letztlich herzlich wenig zu tun. Wenn Menschenleben bedroht sind, ist Aktionismus manchmal eben doch besser als Apathie. Das gilt in Deutschland genauso wie überall auf dieser Welt.

Aber irgendwie hat uns EHEC eben doch gezeigt, wie wir Deutsche so sind. Und wenn sich dies auch nur an der Penetranz ablesen lässt, mit der sich die Medien auf das Thema gestürzt haben. Berichterstattung ja, aber in diesem Umfang? Sondersendungen, Brennpunkte, Gesprächsrunden – die mediale Wucht der EHEC-Befassung hat zuweilen etwas Surreales, in jedem Fall aber etwas Unverhältnismäßiges. Angesichts tausender Grippetoter pro Jahr wird man die Frage stellen dürfen, ob es in diesem Fall nicht auch eine Nummer kleiner gegangen wäre – so schlimm und so bedrohlich die Krise letztlich auch war.

Wenn sich aber die tagesthemen mit den psychischen Folgen einer EHEC-Erkrankung befassen, dann darf man mit Fug und Recht ein ungutes Gefühl haben. Denn wer fragt eigentlich sonst nach dem seelischen Leid psychisch Kranker? Scheinheiligkeit ist eben doch ein allgegenwärtiges Phänomen. Medienschelte dagegen ist wahrscheinlich nach wie vor – typisch deutsch.

Ich würde mich nicht unbedingt als Fan von Dieter Nuhr bezeichnen. Doch die trockene Ironie, mit der er die Scheinheiligkeit unserer Gesellschaft immer wieder auf den Punkt zu bringen weiß, imponiert mir irgendwie. So scheint Nuhr, wenn er mit lasziv hochgezogenen Augenbrauen zu einer seiner dramatischen Pausen ansetzt, um zur resignativen Schlussbemerkung überzuleiten, im Grunde doch nur eines sagen zu wollen: Nehmt euch doch alle nicht zu ernst – ich tu’s ja auch nicht.

Kann also gut sein, dass dieser Interpretationsversuch schon viel zu verschwurbelt ist. Vielleicht verstehe ich einfach zu wenig von Komik und sollte mir ihre Deutung dementsprechend verkneifen. Womit ich dann wenigstens Nuhrs Grundforderung verinnerlicht hätte: „Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten.“ Oder anders formuliert: Nicht jeder, der meint, eine Meinung haben zu müssen, muss diese auch kundtun.

Zugegeben, wer – wie ich – glaubt, allwöchentlich seinen Senf zu den großen und kleinen Dingen des Lebens abgeben zu müssen, sollte sich ein wenig zurückhalten, wenn es darum geht, die schier grenzenlose Meinungsfreudigkeit der Menschen zu kritisieren. Andererseits (so viel Rechtfertigung sei erlaubt) versuche ich mir doch gemeinhin ein Bild von der Wirklichkeit zu machen, ehe ich sie verurteile.

Vielen „Beobachtern“ genügt hingegen schon eine Schlagzeile, ein Gerücht oder im besten Falle ein einzelner Fernsehbericht, um ihr endgültiges, unumstößliches Urteil zu fällen. So oder so ähnlich lautet zumindest die nicht sonderlich überraschende Erkenntnis des Kachelmann-Prozesses, dessen Ergebnisse ansonsten erschreckend dünn ausfielen. Fest steht, dass nichts fest steht. Außer, dass Geschwätzigkeit und Klatschhaftigkeit wie üblich keine Tabus kennen.

Ob Jörg Kachelmann seine Freundin vergewaltigt hat, wissen wir also nicht. Und ob die Frau nun die Wahrheit gesagt oder den Wettermoderator zu Unrecht angezeigt, bleibt ebenfalls unklar. Und da das nun einmal so ist, müssen wir Kachelmann als unschuldig behandeln, dürfen das vermeintliche Opfer aber auch nicht als Lügnerin bezeichnen. So paradox das auch klingen mag. Denn wenn man keine Ahnung hat… Richtig: Dieter Nuhr!

Natürlich können wir uns aber noch über Kachelmanns Privatleben ereifern. Wir können es aber auch lassen. Denn irgendwann ist es auch mal gut. Das hat zwar nicht Dieter Nuhr gesagt – stimmt aber trotzdem.