Das Schielende Glasauge

25. Juli 2011

Wenn es in unserer konsumgesättigten Gesellschaft überhaupt einen Mangel gibt, dann doch sicher den an mediengerecht inszenierten Preisverleihungen. Viel zu selten lässt sich die große Show- und Politprominenz dazu herab, im Blitzlichtgewitter der Selbstbeweihräucherung zu frönen. Und wenn es überhaupt einmal zur Verleihung eines Film- oder Fernsehpreises kommt, geben sich die Promis zumeist höchst leger und unprätentiös.

Wem dies nicht genügt, um zu erkennen, dass Preisverleihungen Festivals der Ironie darstellen, der sei auf die jüngste Verleihung des Quadriga-Preises verwiesen. Wenngleich es, so ehrlich wollen wir sein, mit der Verleihung am Ende leider nichts wurde. Der Quadriga-Preis, mit dem Persönlichkeiten ausgezeichnet werden, die ein Zeichen für Aufbruch, Erneuerung und Pioniergeist gesetzt haben, sollte nämlich an Wladimir Putin gehen, in gewissem Sinne so etwas wie ein Pionier in Sachen Menschenrechtsverletzungen.

Obwohl der ehemalige russische Ministerpräsident also insofern ein durchaus würdiger Preisträger gewesen wäre, entschied man sich nach leichten Protesten, die Entscheidung rückgängig zu machen. Die Auszeichnung wird 2011 deshalb nicht verliehen. So viel Ironie war dem Kuratorium dann doch nicht geheuer. Und dennoch sollte man die inspirative Kraft der ursprünglichen Entscheidung nicht unterschätzen, lässt sie doch erahnen, was da alles möglich wäre – an ironischen Preisvergaben…

Den Schwarzen Koffer in Gold für Verdienste auf dem Gebiet der Korruptionsbekämpfung sollte Transparency International beispielsweise jedes Jahr aufs Neue an Sepp Blatter und seine FIFA verleihen.

Unseren Bundespräsidenten küren wir zum Phantom des Jahres 2011 – als Anerkennung seiner Leistungen im Bereich der Unscheinbarkeit.

Der WWF-Protection-Award für bedrohte Minderheiten geht an die FDP – bzw. an das, was von ihr noch übrig ist.

Auch Silvio Berlusconi würden wir natürlich gerne ehren. Da sich der Mann aber nichts aus immateriellen Dingen macht, sollte man ihm als Belohnung für all das, was er seinem Land angetan hat, einen Bunga-Bungalow schenken.

Und das Schielende Glasauge für zielsichere Entscheidungen mit ironischem Unterton verleihen wir, frei von jeglicher Ironie, an die Netzwerk Quadriga GmbH. Ihr Votum wird uns stets Heiterkeit bescheren. Danke und Herzlichen Glückwunsch!

Zweimal reicht

18. Juli 2011

Der Sommer ist nicht zuletzt deshalb so beliebt, weil Politiker in dieser Zeit nur selten besonders in Erscheinung treten. Schlechte Nachrichten bleiben daher regelmäßig aus oder sie gehen unter in der allgemeinen Euphorie einer Fußball-Weltmeisterschaft.

Da die Frauen-WM aber – spätestens seit dem Ausscheiden des deutschen Teams – nun eben doch nicht die ganz große Faszination ausübt, blieb die jüngste Schreckensmeldung aus Berlin nicht ungehört: Bundeskanzlerin Angela Merkel will bei der nächsten Bundestagswahl für eine dritte Amtszeit kandidieren.

Nun mag man über diese Absichtsbekundung angesichts der derzeitigen Umfragewerte nur müde lächeln können. Doch die Wankelmütigkeit des deutschen Wählers mahnt zur Vorsicht. So könnte Merkel ihren vermeintlich so abwegigen Plan 2013 vielleicht in die Tat umzusetzen wissen und damit einen weiteren Schritt zur Dauerkanzlerschaft gehen.

Als würden uns nicht schon genug Sorgen quälen, müssen wir jetzt also noch mit der Angst vor der ewigen Merkel leben. Dabei wäre es ein Leichtes gewesen, diesem Schreckensszenario weit im Vorfeld entgegenzuwirken: Indem man, wie beim Bundespräsidenten auch, nur e i n e Wiederwahl für den Bundeskanzler zuließe, ggf. unter Verlängerung einer Legislaturperiode auf fünf Jahre.

So hätte man auch Helmut Kohls schier grenzenlosem Machtstreben einen zumindest kleinen Riegel vorschieben können. Und so könnte man auch Angela Merkel und den Wähler von einer großen Dummheit abbringen.

Zugegeben, die verfassungsrechtlichen Vorgaben für die Kanzlerwahl sind keine Frage persönlicher Präferenzen. Es geht vielmehr um vernünftige Begrenzungen demokratisch legitimierter Macht. Und da die Demokratie bekanntlich auch vom Wechsel lebt, liegt es nahe, die Besetzung des politisch bedeutsamsten Amtes im Lande einer zeitlichen Beschränkung zu unterwerfen.

Der Fall Kohl hat gezeigt, dass eine überlange Amtsdauer die Ausbildung undemokratischer Strukturen zu fördern vermag. Nach einer gewissen Zeit wird die politische Macht zur Selbstverständlichkeit, während ihre demokratische Rechtfertigung mehr und mehr in den Hintergrund gerät. Warum soll ein und dieselbe Person die Geschicke eines Landes also über eine Zeit von mehr als einem Jahrzehnt in den Händen halten dürfen? Wieso legen wir in diesem Punkt beim Bundeskanzler einen anderen Maßstab als beim Bundespräsidenten an? Gewiss, die Ämter sind grundverschieden. Aber der Aspekt der Machtbegrenzung ist doch nirgendwo so akut wie beim Bundeskanzler.

Es spricht also nicht nur die Sorge vor Merkel III für eine derartige Beschränkung. Auch der Blick in die USA, die ihrem Präsidenten nur zwei Amtszeiten gönnen, legt dies nahe. Wir sollten unserem Regierungschef bzw. unserer Regierungschefin das gleiche „Privileg“ zuteil werden lassen. Denn eine Wiederwahl muss reichen. Dann ist es auch gut.

Anstandslos

11. Juli 2011

Im Grunde meines Herzens bin ich ein Romantiker. Ich träume von einer Zeitreise in die 80er Jahre (damals, als die Welt noch in Ordnung war), kann mich am Zauber des Abendrots erfreuen und glaube, dass Prominente immer voll und ganz von dem Produkt überzeugt sind, das sie bewerben.

Letzteres hat wohl weniger mit Romantik zu tun. Letzteres ist ein klarer Fall von Naivität, geht es bei Werbeverträgen seit jeher doch nur um eines: den schnöden Mammon. Und zwar für beide Seiten. Das Unternehmen will mit einem überzeugenden Testimonial neue Kunden generieren, der Promi will durch den „kleinen“ Nebenverdienst ein wenig die private Kasse aufbessern. So weit, so schlecht. Und dennoch bleibt die leise Hoffnung, dass bei aller ungezügelter Werbefreude noch ein Restfunken Anstand gewahrt wird. Was immer das auch sein mag…

Anstand könnte im Werbebusiness zum Beispiel bedeuten, dass man jedenfalls nicht für solche Produkte wirbt, deren gesellschaftliche Wirkungen im offensichtlichen Widerspruch zu den persönlichen Überzeugungen stehen. Oder sich jedenfalls nicht von solchen Unternehmen vereinnahmen zu lassen, die durch fragwürdige Methoden eine marktbeherrschende Stellung erreicht haben. Beide Interpretationen müssten eigentlich zur Folge haben, dass die BILD keine Werbeträger unter anständigen Menschen findet.

Und natürlich mag man Mike Krüger, Marius Müller-Westernhagen, Johannes B. Kerner, Nazan Eckes oder Frank Elstner jedweden Anstand absprechen. Wahrscheinlich aber wüssten sich die Angeklagten mit einem Verweis auf die besondere Pointe ihrer Werbespots zu exkulpieren. Von einer echten Werbung könne ja wohl keine Rede sein, schließlich werde ja explizit auf die Defizite des Springer-Machwerks hingewiesen. So attestiert Deutschlands Supernanny der BILD-Zeitung beispielsweise, nicht gerade „pädagogisch wertvoll“ zu sein. Und Pop-Sängerin Sarah Connor mahnt gar öffentlich das mangelnde Taktgefühl der Boulevard-Zeitung an.

Ist das, was sich in das Gewand eines klassischen Werbespots kleidet, also in Wirklichkeit eine Anti-BILD-Kampagne? Natürlich nicht. So abgehoben könnte nicht einmal die BILD sein, als dass sie es aus der Laune des Augenblicks heraus auf einen Rückgang der Leserzahlen angelegt hätte. Genau das Gegenteil ist nämlich der Fall. Die BILD greift zu einem psychologischen Trick und instrumentalisiert zu dessen Umsetzung willfährige Prominente, die das taktische Manöver entweder nicht durchschauen oder aber – wahrscheinlicher – den persönlichen Anstand zurückstellen. Denn die Botschaft der scheinbar kritischen BILD-Spots ist unzweifelhaft:

So vieles man an der BILD auch kritisieren mag, so unangreifbar ist doch ihre Stellung in der Gesellschaft. Und weil man so unangreifbar ist, besitzt man auch die Souveränität, kritische Stimmen zu Wort kommen zu lassen.

Die hierin liegende umgekehrte Psychologie ist das wirklich Perfide an der BILD-Kampagne, einer Kampagne, die zum Teil hoch angesehene Prominente auf ausgeklügelte Weise für ihre Zwecke dienstbar macht. Dass viele beliebte Persönlichkeiten dieses schmutzige Spielchen mitspielen, mag für Realisten nicht überraschend sein, für Romantiker wie mich ist es eine Enttäuschung.

Eine Enttäuschung ist nicht zuletzt auch Philipp Lahms Mitwirken. Der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft verzichtet bei seinem Auftritt sogar auf umgekehrte Psychologie und ächzt in platter Offenheit seine unmissverständliche Botschaft heraus: „Meine Meinung zu BILD ist eine sehr positive, weil ich jeden Tag diese Zeitung lese“. Ein argumentatives Nullum, das nicht nur Fußballfreunden in der Seele weh tut.

Jüngst hat nun also auch die deutsche Frauen-Nationalmannschaft ihr Bekenntnis zur BILD abgegeben. Deutlich ironischer und subtiler als Philipp Lahm, in der Aussage aber gleichsam eindeutig: Die BILD ist ein Produkt des Chauvinismus, ein populistisches Irgendwas ohne journalistischen Anspruch, auf das wir alle aber wohl nicht verzichten könnten. Woraus wir lernen: Psychologie ist eben doch (k)eine Frage der Logik und Werbung hat mit Anstand nichts zu tun.