Liga-Lehren reloaded 11/12

28. September 2011

Die Liga-Lehren reloaded, exklusiv auf SPOX.com!


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Die 2. Ausgabe: Tante Furie und der Drei-Groschen-Opa

Alles überragend, oder was?

26. September 2011

Als leidenschaftlicher Fußball-Fan und –Zuschauer erliege ich ihm auch regelmäßig, diesem unwiderstehlichen Nörgelreflex. Wenn Reif & Co. zum Mikro greifen, setze ich zu meinen liebgewordenen Schimpfkanonaden an. Denn mehr als das Spiel auf dem Platz pflegt mich zumeist die Leistung der Kommentatoren aufzuregen. Da unterstelle ich schon mal gerne Inkompetenz und Ignoranz, wohlwissend, dass der Job des Fußballreporters undankbarer sein kann als der des Bundestrainers. Die Fans am Bildschirm meinen es eben nicht nur besser zu wissen, sondern auch zu können.

Wahrscheinlich aber dürften die meisten Fußballfans übel auf die Nase fallen, wenn sie sich einmal als pseudoprofessioneller Berichterstatter versuchten. Tatsächlich nämlich ist die Aufgabe des Sportkommentators weit schwieriger, als es der gemeine Zuschauer wahrhaben will. Neben der nötigen Sachkompetenz, die die meisten wohl noch für sich in Anspruch nehmen dürften, bedarf es gleichermaßen eines perfekten Timings wie eines guten Überblicks.  Und eine massenkompatible Stimmlage dürfte sicher auch nicht schaden. Wer will das alles schon für sich reklamieren?

Insofern sind meine Flüche auf die Reporterzunft wohl eher Ausdruck der Emotionen, die so eine Fußballübertragung mit sich bringt. Mit fundierter Kritik haben sie zumeist weniger zu tun. Es sei denn, es drängt sich der Verdacht auf, der Mann (oder die Frau) am Mikro beherrscht sein Handwerkszeug nicht.

Das Handwerkzeug des Sportreporters stellt – wie bei allen Journalisten – die Sprache dar. Wort und Satz sind nicht nur Mittel zum Zweck, sie sind Kern und Ziel journalistischer Arbeit und sollten daher einwandfrei beherrscht werden. Das darf der Zuschauer ohne weiteres erwarten und, wenn er in dieser Erwartung enttäuscht wird, mit wütenden Flüchen für die Zukunft einfordern.

Manchmal sind meine Schimpftiraden also nicht bloßes Ventil für angestaute Emotionen. Manchmal rege ich mich über etwas auf, das Aufregung verdient. Dabei verlange ich nicht, dass Fußballreporter gestelzt parlierende Germanisten sein sollten. Aber etwas mehr Obacht auf die Sprache wäre doch schon schön. Wenn also ein Hansi Küpper immer und immer wieder von dem „Sofort-Ausgleich“ der Gäste spricht und den Stürmer lobt, der mit „Stets-Kampfgeist“ agiert, dann kann mich eine so zweck- und sprachwidrige Verwendung der Adverbien schon auf die Palme bringen.

Aber vielleicht bin ich da eben doch ein Pedant. Ein Korinthenkacker. Eben ziemlich deutsch und nicht in der Lage, auch mal alle Fünfe gerade sein zu lassen. Da es nun also eh nicht mehr darauf ankommt, kann ich mich dann auch gleich ob der mangelnden Kreativität bei der Verwendung von Adjektiven (genau: den Wiewörtern) ereifern:

Denn Spieler, deren Leistung allen Grund zu Lobpreisungen gibt, werden heutzutage ganz einheitlich als überragend qualifiziert. Der tollste Götze ist genauso wie der überzeugendste Ribéry laut Reporterstandarddeutsch nur noch überragend – das Einheitsadjektiv für alle Fälle. Die einzige Variation ergibt sich dabei in der Betonung: Ü-ber-ragend! Mehr als dieses Silbenstaccato ist dann aber auch nicht drin.

Nicht zuletzt Marcel Reif, sonst ja mit einer durchaus blumigen Sprachanwendung gesegnet, zeigt sich seltsam ideenlos, wenn es darum geht, den besten Akteur auf dem Feld über den grünen Klee zu loben. Womöglich ist Reif sogar der Initiator dieses fragwürdigen Trends, gefällt er sich doch schon seit Jahr und Tag darin, das überragend-Attribut über den Profi-Fußball zu streuen. Dabei kann es dann auch schon einmal vorkommen, dass in einer Partie gleich drei oder vier Spieler als überragend bezeichnet werden, obgleich dieses Privileg genau genommen nur einem Spieler zuteilwerden kann. Nämlich dem, der die anderen überragt. Per Mertesacker und Daniel van Buyten sind, auch wenn dies Fußballpuristen nicht so recht wahrhaben wollen, denn auch meist die überragenden Gestalten auf dem Platz.

Es mag natürlich auch sein, dass ich schlicht eine Reform verschlafen habe und dass „überragend“ inzwischen ein Art technischer Fachbegriff ist, quasi das „sehr gut“ des modernen Fußballs, die Eins mit Sternchen. Sollte dem nicht so sein und sollte es dementsprechend weiterhin zulässig sein, auf alternative Adjektive zurückzugreifen, so möchte ich hier ein paar Vorschläge machen. Ganz unverbindlich, als Anregung:

Wie wäre es zum Beispiel, das monotone „Robben überragend“ durch ein lässiges „Robben – absolut elefantös“ zu ersetzen? Oder die Leistung eines bekannten Schalker Alt-Spaniers mit einem genussvollen „Raul ist deliziös“ zu würdigen? Bei einem Hertha-Spiel  würde sich doch mal „Lell ist absolut knorke“ anbieten. Ein feines Solo von Mesut Özil ließe sich kurz und knapp als supercalifragilisticexpialigetisch bewerten. Und für einen gelungenen Auftritt von Michael Ballack bietet sich doch inzwischen ein ehrfürchtiges „chapeauig“ an.

Erschienen in der Rubrik Mikrogramm auf SPOX!

Wir müssen reden

19. September 2011

Sprachlosigkeit gilt gemeinhin als untrügliches Symptom einer gescheiterten Beziehung. Wenn man sich nichts mehr zu sagen hat, ist es meistens vorbei. Kommunikation ist und bleibt eben das beste Rezept für dauerhaftes Glück. An dieser Paartherapeuten-Formel gemessen, scheint es um die Verhältnisse der ARD dieser Tage bestens bestellt zu sein. Man hat sich etwas zu sagen – wahrscheinlich gar so viel wie nie.

Jeden Abend (von Sonntag bis Donnerstag) wird in der ARD also nun kommuniziert – viel geredet, eine Menge gequatscht und noch mehr geschwafelt. Unter Anleitung so erfahrener Kommunikationsmanager wie Günther Jauch, Anne Will oder Reinhold Beckmann dürfen die großen und kleinen Leute dieses Landes fabulieren und schwadronieren, was das Zeug hält und die Einschaltquoten hergeben.

Noch mehr Talk bedeutet dabei vor allen Dingen noch mehr Fernsehpräsenz für die üblichen Verdächtigen: Wolfgang Bosbach darf fortan noch häufiger die innere Sicherheit in Frage stellen und dabei lasziv mit dem Toupet nicken. Für Arnulf Baring gibt es nun noch mehr Sendezeit, um die allgemeine Ahnungslosigkeit zu rügen und die eigene Selbstherrlichkeit zur Schau zu stellen. Und Jutta Ditfurth kann sich endlich wieder pausenlos über irgendetwas aufregen, was irgendwen irgendwann nie interessiert hat. Bei Jauch, Maischberger, Plasberg & Co. – wir haben ja Zeit genug. Denn: Wir müssen reden. Ganz so als ob wir uns in einer gesamtgesellschaftlichen Beziehungskrise befinden, verordnet sich die ARD die große Aussprache und uns das unaufhörliche Zuhören.

Tröstlich mag da nur der Griff zur Fernbedienung stimmen, die uns von dem tagtäglichen Elend zu erlösen verspricht. Doch Abschalten ist hier nur scheinbar eine Lösung. Nicht weil wir uns allzu gern in kleinbürgerlicher Rebellion darüber aufregen, was „die Öffentlich-Rechtlichen“ da wieder mit „unseren Gebührengeldern“ anstellen. Und auch nicht, weil die ARD einst für Qualitätsfernsehen stand und diesem Anspruch zusehends weniger gerecht wird. Sondern weil das neue Programmkonzept des Ersten einer Bankrotterklärung für Kreativität und Einfallsreichtum im Fernsehen gleichkommt.

Doch sehen wir es positiv – dieser Stoff hat Potential für eine Talkshow: „Neue Konzepte, nein danke – wie Deutschland sich zu Tode talkt“ – das wäre doch ein nettes Thema für Maischberger oder Plasberg. Wolfgang Bosbach hat sein Kommen auch schon zugesagt.