Ab in die Tonne?!

31. Oktober 2011

Wenn ich das richtig beobachte, hat sich in den vergangenen Wochen eine neue Debatte entwickelt - um die Auswüchse unserer Konsumgesellschaft, in der tausende Tonnen Lebensmittel Jahr für Jahr achtlos in den Müll geworfen werden. Weil ihre Verwendung betriebswirtschaftlich nicht lohnend erscheint und weil überzogene Gesundheits- und Hygienevorschriften dies so verlangen. Aber eben auch aufgrund einer fehlenden Wertschätzung gegenüber Lebensmitteln im Allgemeinen, wie sie in allen Ländern des materiellen Überflusses vorzufinden ist.

Da wirft man schon mal vorsorglich einen Erdbeer-Joghurt in die Tonne, wenn das Mindesthaltbarkeitsdaum abgelaufen ist, oder entsorgt die halbvolle Ketchup-Flasche, um im Kühlschrank Platz für Frischware zu schaffen. Lebensmittel sind hierzulande eben doch ein höchst austauschbares Gut.

Und wenn ich das richtig sehe, wird die derzeitige Diskussion alsbald wieder im Sande verlaufen, ohne bemerkbare Konsequenzen nach sich gezogen zu haben. Auch wenn die Bundesregierung jetzt überlegt, dem Konsumenten durch eine idiotensichere Formulierung klar zu machen, dass Mindesthaltbarkeitsdaten nicht mehr als eine Herstellergarantie darstellen, nach deren Ablauf das Produkt in aller Regel (um nicht zu sagen: immer) noch weiter genießbar ist.

Trotz aller vielversprechenden Absichtserklärungen geläuterter Verbraucher wird sich am Ende wohl nur wenig tun. Weil die Verschwendungssucht eben doch so tief in uns verankert ist und die Umerziehung der Wegwerfgesellschaft nicht oder jedenfalls nicht kurzfristig möglich ist. Mag uns Valentin Thurns Dokumentarfilm „Taste the Waste”, der schonungslose Einblicke in die Welt der systematischen Lebensmittelvernichtung gewährt, auch erschreckt und beschämt haben. Ändern wird sich erst einmal nichts.

Das Problem liegt eben zu tief. Es geht nicht um übertriebene Gesetzesvorgaben und missverständliche Produktkennzeichnungen. Jedenfalls nicht im Kern. Wir alle müssen uns die Mentalitätsfrage stellen: Welchen - ethischen - Wert messen wir Lebensmitteln zu und wie konsequent setzen wir diese Wertschätzung in Taten um?

Ich für meinen Teil bin so erzogen worden, dass ich Lebensmitteln eine besondere Achtung entgegenbringe, was man womöglich auch an meiner Körperfülle erkennen kann. Noch immer verspüre ich ein dumpfes Unbehagen, wenn ich im Fernsehen sehe, wie man mit Lebensmitteln rumspielt (-> „Zimmer frei”). Da nützen auch alle Beschwichtigungen nichts, man würde ja nur abgelaufene Lebensmittel verwenden. Abgelaufen ist - wie wir spätestens in diesen Tagen lernen - eben nicht verdorben. Und selbst wenn es im Einzelfall anders sein mag, kann mich das nicht beruhigen. Mit Lebensmitteln spielt man nicht. Das ist ein Wert für sich, den ich nicht bereit bin preiszugeben.

Was allerdings nicht bedeutet, dass ich ein leuchtendes Gegenbeispiel für unsere Überflussgesellschaft wäre. Beileibe nicht. Auch ich neige dazu, das viertelvolle Pflaumenmus-Glas oder die letzten Scheiben Schinken wegzuwerfen. Aus Widerwillen, weil ich fürchte, die mangelnde Frische  würde meinem Körper zusetzen. Zumeist ist diese Besorgnis natürlich unbegründet und steht als blinde Hysterie sinnbildlich für unsere notorische Wegwerfgesellschaft, der ich nolens volens wohl auch zugehöre.

Wenn ich also der Verschwendungssucht den Kampf erkläre, dann meine ich das auch selbstkritisch. Denn Lebensmittel zu achten, sollte für uns alle eigentlich selbstverständlich sein.

Sportradio360

27. Oktober 2011

Das Sportradio30 feiert Jubiläum! Die 25. Ausgabe ist online - und ich bin auch wieder zu hören.

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Gewissensfragen

24. Oktober 2011

Ronald Pofalla kann Wolfgang Bosbachs Antlitz also nicht mehr sehen. Ein Phänomen, das Millionen Fernsehzuschauer von Pofallas Frontpartie kennen, mag dessen Bildschirmpräsenz auch bei weitem nicht an die seines Partei”freundes” herankommen. Im Gegensatz zu dem aufgeschlossenen und freundlichen Bosbach wirkt der derzeitige Kanzleramtsminister aber eben eher unzugänglich. Um es vorsichtig zu formulieren.

Auslöser für Pofallas Verbalentgleisung war jedoch nicht Bosbachs Talkshow-Affinität, sondern vielmehr seine Ankündigung, der Erweiterung des Euro-Rettungsschirms nicht zustimmen zu wollen. Solch ein Ausscheren aus der Fraktionsdisziplin sorgt traditionell für Ärger in den eigenen Reihen, verträgt es sich doch kaum mit dem in einer Parteiendemokratie allgegenwärtigen Wunsch nach Geschlossenheit. Wer sich dem innerparteilichen Gehorsam widersetzt, gilt damit schnell als Verräter. Ein Judas, dessen Gesicht nur noch Unbehagen auszulösen vermag.

Eine Ausnahme von diesem Prinzip ist nur für sogenannte Gewissensentscheidungen anerkannt, also für Themen, die so stark mit persönlichen und ethischen Überzeugungen verwoben sind, dass sie keinen verbindlichen Abstimmungsbefehl erlauben. Die Frage nach weiteren Milliardensubventionen für hochverschuldete Euro-Länder gehört nicht dazu. Heißt es zumindest. Hier gehe es nur um finanz- und europapolitische Sachfragen, weit weg von höchstpersönlichen Grundanschauungen. Hier müsse, um der Verlässlichkeit deutscher Politik willen, der Fraktionsdisziplin gefolgt werden.

Doch ist die Frage nach milliardenschweren Transferleistungen ins Ausland nicht vielleicht doch ein Aspekt grundsätzlicher Art, in dem ethische Überzeugungen möglicherweise eine Rolle spielen? Geht es hier nicht vielleicht um ganz fundamentale Richtungsentscheidungen, die nicht nur für die Zukunft Europas, sondern auch für die wirtschaftlichen Grundlagen kommender Generationen im eigenen Land von weichenstellender Bedeutung sind? Ist also - konkret gesagt - die Rettungsschirm-Frage nicht doch eine Gewissensentscheidung, bei der die Fraktionsdisziplin zu vernachlässigen ist?

Die Kategorie der Gewissensentscheidung erscheint denn auch bei näherem Besehen als gleichsam unbestimmtes wie missglücktes Vehikel, um der mitunter höchst fragwürdigen Fraktionsräson eine Grenze zu setzen. Fakt ist vielmehr: Unser Grundgesetz kennt kein imperatives Mandat. Jeder Abgeordneter ist allein seinem Gewissen verpflichtet und muss daher selbst entscheiden, wann ihn seine innere Überzeugung davon abhält, der Parteilinie zu folgen und wann er zähneknirschend auch mal entgegen der persönlichen Auffassung abstimmt. Er verdient bei dieser Abwägungsentscheidung Respekt - von Seiten des Bürgers genauso wie von den Parlamentskollegen.

Dass es trotzdem nicht zum Zusammenbrechen des Parlamentarismus kommt und Abstimmungsprozesse weiterhin organisierbar bleiben, liegt an den Gesetzmäßigkeiten unserer Parteiendemokratie, in der allzu häufiges Ausscheren aus der Fraktionsdisziplin langfristig nicht folgenlos bleibt. Das ist so und das wird man auch nicht ändern können. Doch ein Beharren auf dem eigenen Standpunkt sollte zumindest im Einzelfall möglich sein, ohne dass man sich gleich den Hass und die Missachtung der Parteisoldaten zuzieht. Aber Ronald Pofalla wird dies gewiss ganz anders sehen.