Liga-Lehren reloaded 11/12

30. November 2011

Die Liga-Lehren reloaded, exklusiv auf SPOX.com!


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Die 4. Ausgabe: Mach et, Gottschalk!

Ein bisschen mehr Hoeneß

28. November 2011

Dem gängigen Stereotyp zur Folge verfügt der Deutsche an sich über einen ausgeprägten Sinn  für Ordnung. Er agiert zielstrebig, arbeitet gewissenhaft und liebt das Schubladendenken. Der Deutsche braucht klare Regeln und weiß gern, woran er ist.

Zugegeben, ich habe so meine Zweifel, ob es diesen Prototyp-Deutschen wirklich gibt. In meinem Umfeld befinden sich jedenfalls keine Vertreter dieser Spezies. Zum Glück. Und dennoch werde ich den Eindruck nicht los, als begebe man sich hierzulande besonders gerne in die Selbstfindungsphase. Man will eben nicht nur wissen, woran man ist, sondern auch wer man ist. Dem Ordnungssinn zuliebe.

Was also ist typisch deutsch? Sauerkraut? Fleiß? Pünktlichkeit? Tradition? Lederhosen? Uniformen? Vereinsmeierei? Bürokratie? Oder doch nur unser geliebtes Bier? Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Und im Grunde ist es mir auch herzlich egal. Es würde mir am Ende auch nicht sonderlich weiterhelfen zu wissen, was für das Leben in Deutschland nun eigentlich besonders typisch ist.

Als Fußballfan sehe ich das anders. Da interessieren mich keine Zweckmäßigkeitserwägungen. Da suche ich nach Identifikation. Da will ich wissen, woran ich bin. Selbst wenn es mir letzten Endes auch nicht wirklich nützen mag. Was also macht einen Bayern-Fan aus? Oder fragen wir anders: Was ist eigentlich so typisch FC Bayern?

Eine Runde Brainstorming würde dann wahrscheinlich in etwa diese Ergebnisse liefern: Mia san mia, Titel, Lederhosen, rot-weiße Trikots, Allianz-Arena, Olli Kahn, Stern des Südens, Neid, Provokationen, FC Hollywood…

Mit all diesen Begriffen könnte man den FC Bayern aber wohl nur vage beschreiben. Die Seele des Clubs würde man so aber gewiss nicht erfassen. Die Seele oder - sagen wir - das Herz des FC Bayern ist und bleibt für mich Uli Hoeneß. Seit nunmehr 40 Jahren ist der Uli nun schon Teil der Bayern-Familie, mehr als die Hälfte der Zeit dabei ihr Oberhaupt. Keiner personifiziert den Verein mit all seinen Stärken und Schwächen derart glaubwürdig wie Uli Hoeneß.

Als Leiter der Abteilung Attacke hat er Kultstatus erlangt. Als soziales Gewissen ist er zum Vorbild geworden. Als Manager hat er den Verein auf Erfolgskurs gebracht. Kurzum: Uli Hoeneß ist der FC Bayern. Er ist die Identifikation, nach der man als Bayern-Fan gemeinhin sucht. Ein ellenlanges Brainstorming kann man sich also eigentlich schenken. Wir haben ja den Uli.

Oder auch nicht… Im Jahre 2009 hat Hoeneß den Managerposten geräumt und das Zepter an Christian Nerlinger weitergegeben, der sich in seiner neuen Rolle zusehends besser zurechtfindet. Wohl auch weil ihm Uli Hoeneß nicht dazwischenredet und nicht nur die sportliche Verantwortung, sondern auch die öffentliche Repräsentation überlässt. Uli Hoeneß nimmt sich zurück. Ganz bewusst. Selbstbewusste Angriffserklärungen und wütende Schimpftiraden sind von ihm kaum mehr zu vernehmen.

Nur noch ganz selten lässt sich Hoeneß zu offensiven Statements hinreißen, so wie im Herbst letzten Jahres, als er in der Talksendung SKY90 den inzwischen legendären Affront gegenüber Trainer van Gaal wagte. Uli Hoeneß ist, obwohl als Präsident formal das höchste Amt im Gesamtverein Bayern München bekleidend, in die zweite Reihe gerückt und überlässt das Feld nun anderen. Er weiß wieso und tut wohl auch gut daran.

Doch so sehr die Argumente in der Sache auch für seine Zurückhaltung sprechen, so sehr wünsche ich mir doch insgeheim wieder ein bisschen mehr Hoeneß. Die eine oder andere verbale Watschn gegenüber Spielern, Medien und Kontrahenten, hier und da mal wieder eine großspurige Angriffsansage an die Konkurrenz, ab und zu ein unbequemer Zwischenruf zur Befindlichkeit unserer Gesellschaft - das wäre schon schön. Es wäre wieder ein wenig wie in den guten alten Zeiten.

Womöglich ist es nicht nur mein persönliches Nostalgieverlangen, das für ein bisschen mehr Hoeneß spricht. Schließlich ist der Schlüssel für den fortwährenden sportlichen und wirtschaftlichen Erfolg das hohe Anspruchsdenken an sich selbst, also der ungezügelte Ehrgeiz in Form eines dauernden Gewinnen-Wollens, wie es wohl kaum jemand so überzeugend verkörpern kann wie der umtriebige Ex-Manager Hoeneß.

Deshalb muss Hoeneß nicht gleich zum Schattenmanager werden und Christian Nerlinger ins Handwerk pfuschen. Aber sich ab und zu auch einmal öffentlich mit einem klaren Wort einzumischen, könnte nicht schaden. Dem Bayern-Fan-Herz würde es sicher ganz gut tun. Denn Uli Hoeneß ist und bleibt eben typisch FC Bayern.

Wenn man mich fragt, wo ich mich selbst politisch verorten würde, sage ich gemeinhin Mitte. Vielleicht ein bisschen links davon. Vielleicht auch nicht. Dieses schubladenhafte Rechts-Links-Denken, wie wir es in Deutschland ja mit besonderer Wonne pflegen, ist mir doch ein wenig fremd. Denn wahrscheinlich bin ich trotz meiner Mitte-links-Selbsteinschätzung im Grunde sehr viel konservativer, als ich es wahrhaben möchte. Und ganz sicher konservativer, als es mir angesichts des Erscheinungsbildes konservativer Parteien lieb sein dürfte.

Dabei überkommen mich eigentlich nur dann konservative Gefühlswallungen, wenn ich vom Bestehenden wirklich tief überzeugt bin und mir trotz aller Phantasie nicht auszumalen vermag, dass etwas Neues wirklich besser sein kann. Oder aber ich glaube eh nicht, dass die in langwierigen Debatten ausgeklügelten Ideen und Reformvorschläge jemals umgesetzt werden. Das ist dann wahrscheinlich kein Zeichen konservativer Attitüde, sondern ganz einfach Skepsis.

Man mag es also nun Konservatismus oder Skepsis nennen, dass ich manche Reformvorschläge im Fußball nur mit Kopfschütteln zur Kenntnis nehmen kann. Und damit meine ich nicht die zarten Ansätze, dem FIFA-Kartell irgendwann in ferner Zukunft vielleicht einmal den Garaus zu machen. Mich irritieren vielmehr die allherbstlich verkündeten Änderungswünsche zum Regelwerk. Kaum ist die neue Saison ein bisschen in die Gänge kommen und hat die ersten Stammtischgespräche über Abseits und Elfmeter heraufbeschworen, geht die ewige Debatte wieder los:

Das passive Abseits müsse endlich weg. Der Videobeweis sei längst überfällig. Und der Chip im Ball solle endlich Wirklichkeit werden. Man fühlt sich dabei inzwischen fast wie in „Dinner For One” - the same procedure as every year. Jedes Jahr die gleiche Leier. Einer aufgeregten Diskussion um Unfähigkeit von Schiedsrichtern und Starrsinn von Offiziellen folgen genauso überzogene wie abgedroschene Vorschläge zur Reformierung des Regelwerks, die nach wenigen Wochen wieder im Sande verlaufen. Wohl auch weil sich die Ideen am Ende doch nicht als so praktikabel erweisen, wie sie zu Beginn gewirkt haben. Dass man das passive Abseits zum Beispiel eben doch nicht so einfach abschaffen kann, ohne damit neue Auslegungsprobleme heraufzubeschwören, wird manchen eben doch erst allmählich klar.

Und so erleben wir die immer gleichen Reformmodelle als wiederkehrendes Element des Fußballs. Ich habe dieses Prinzip inzwischen durchschaut. Und obwohl es mich eigentlich amüsieren sollte, bin ich davon doch eher gelangweilt. Aber vielleicht bin ich auch einfach zu skeptisch. Oder eben doch zu konservativ.