Unbeholfenheit

30. Januar 2012

Manuel Neuer hatte sich wirklich alle Mühe gegeben. Seine Vorlage war punktgenau. Und Marco Reus hatte keine Probleme, den Ball im leeren Kasten unterzubringen. Doch der DFB zeigte sich unbarmherzig und schrieb den Treffer trotz Neuers brillanter Vorlage Marco Reus zu. So geht das erste Bayern-Eigentor des Jahres 2012 also nicht auf das Konto des Torhüters. Stattdessen dürfen nun Christian Nerlinger & Co. dieses zweifelhafte Privileg für sich reklamieren.

Die große Ankündigung, einen namhaften Offensivspieler verpflichtet zu haben, um diese Aktion wenig später als bloßen PR-Gag zur Bewerbung des eigenen Facebook-Auftritts zu enttarnen, erwies sich – genau wie Manuel Neuers Assist in Mönchengladbach – als Schuss, der nach hinten los ging. Statt Zustimmung und Augenzwinkern erntete der Rekordmeister nur Wut und Spott unter den eigenen Fans, die mit dieser Art von Humor herzlich wenig anfangen konnten. Nach der desillusionierenden Auftaktniederlage in Gladbach war den Bayern-Fans – anders als den Vereinsoffiziellen – nicht nach Scherzen zumute. Noch dazu wenn mit der Aussicht auf einen neuen Superstars Hoffnungen genährt wurden, die kurze Zeit darauf jäh enttäuscht werden sollten.

Das Echo unter den Bayern-Anhängern war eindeutig und ist unmissverständliches Zeugnis ihrer augenblicklichen Befindlichkeit. Von Entspannung und Optimismus ist man nach dem kläglichen Start derzeit weit entfernt. So weit wie der FC Bayern von einem professionellen Umgang mit den sozialen Medien. Facebook als bloßes Vehikel für alberne PR-Spielchen zu benutzen, zeigt, wie schwer man sich von Bayern-Seite nach wie vor tut, die Bedeutung der modernen Medien richtig zu bewerten und für die eigenen Zwecke nutzbar zu machen.

Dazu passen die in ernüchterndem Da Capo von Hoeneß und Beckenbauer vorgetragenen Vorbehalte gegen die Kraft des Internets. Die virtuelle Welt ist dem Bayern-Präsident nach wie vor ein Dorn im Auge, eine Ausgeburt des Bösen, der er sich voller überzeugung zu widersetzen versucht. Dabei unterliegt Hoeneß offenkundig dem verheerenden Irrtum, das Internet sei ein vorübergehendes Schreckgespenst, das es schlichtweg auszusitzen gilt. Irgendwann, so scheint Hoeneß zu glauben, werde sich die Aufregung wieder legen und das Internet wie eine Seifenblase zerplatzen.

Es mag sein, dass Hoeneß‘ Sicht der virtuellen Dinge tatsächlich weit weniger nostalgisch ist, als es den Anschein hat. Doch seine Skepsis gegenüber dem Internet im Speziellen und der modernen Medien im Allgemeinen ist unverkennbar. Hoeneß wertet sie als Ausdruck eines Wertverfalls, der für die persönliche Kommunikation kaum mehr Platz lasse. Es sei eben nicht mehr so wie damals in der guten alten Zeit, als sich die Menschen noch in die Augen sahen, wenn sie miteinander sprachen. Diese schrullige Sichtweise hat etwas Sympathisches an sich und ist doch sinnbildlich für die (in dieser Hinsicht) unprofessionelle Denke eines Vereins, der sonst wie kaum ein anderer als Club als Vertreter der Professionalität gilt.

Dieser innere Widerspruch mag irritieren, ist beim Rekordmeister aber fast historisch bedingt. Denn Bayerns Internet-Problem ist keinesfalls ein neues Phänomen. Von Anfang an tat man sich an der Säbener Straße schwer, auf den Zug der virtuellen Kommunikation aufzuspringen. So verzichtete man, als andere Clubs längst eine offizielle Webpräsenz vorweisen konnten, auf eine eigene Homepage und begnügte sich mit einem kleinen Internet-Auftritt auf AOL. Erst nach langer Zeit des Wartens und vermutlich des innerbetrieblichen Zuredens konnte man sich letztlich zu einer echten, für alle verfügbaren Website durchringen.

Man muss dem FC Bayern seine Unbeholfenheit also wohl nachsehen. Ein professioneller Umgang mit den neuen Medien gehört eben nicht zu den eigenen Stärken. Und dennoch wäre es wünschenswert, man würde dieses Thema zukünftig mit mehr Ernsthaftigkeit und Sorgfalt angehen. Der vermurkste Facebook-PR-Gag hat für den Moment nur eine vorübergehende Verärgerung bei den eigenen Fans ausgelöst, könnte sich im Falle längerer sportlicher Erfolglosigkeit jedoch als echter Rohrkrepierer erweisen. Denn alberne Späße kann man sich nur dann erlauben, wenn die sportliche Bilanz stimmt. Ansonsten sind sie eben nur peinlich. Bleibt als Bayern-Fan nur zu hoffen, dass einem weitere Peinlichkeiten erspart bleiben.

Super! Wahnsinn! Hammer!

23. Januar 2012

Zugegeben, ich habe auch schon einmal daran gedacht mich zu bewerben. Meine Stimme geht zwar schwer in Richtung Naturkatastrophe und mein Taktgefühl gilt als einzig praktischer Nachweis der Chaostheorie. Aber probieren kann man es ja einmal. Und irgendwie will man eben auch dazu gehören. Außenseiter zu sein, ist nicht schön.

Denn wer es heutzutage nicht schon einmal in einer Castingshow versucht hat, ist ein Außenseiter - rein zahlenmäßig gesehen. Bei der Unmenge an Gesangswettbewerben, die unlängst wieder mal eine Neugeburt erfahren (ohne freilich jemals wirklich von uns gegangen zu sein), müsste mehr als die Hälfte aller Bundesbürger irgendwann einmal in die Öffentlichkeit und vor eine Jury getreten sein, um das musikalische Können unter Beweis zu stellen. Supertalent, DSDS, Unser Star für Baku, The Voice of Germany, X-Factor - Castingshows sind aus dem deutschen Fernsehen kaum mehr wegzudenken.

Dabei wäre es wohl falsch, alle diese Shows in einen Topf zu werfen. Während das altunehrwürdige DSDS nach wie vor auf Teenie-Effekte und respektlose Zurschaustellung setzt, wollen die neue Formate endlich das in den Vordergrund stellen, was wirklich wichtig ist: die Stimme. Was ihnen wohl auch ganz gut gelingt. Zumindest soweit ich das beurteilen kann. Denn ich habe mir inzwischen alle diese Talentshow-Varianten gegeben, mir es aber dann und wann erlaubt, etwas anderes zu schauen oder - welch Frevel - die Kiste einfach ganz auszulassen.

Fazit des Gelegenheitsguckers: Besser. Und wohltuend anders als das kreischend-nervige RTL-Gewimmer. Bei The Voice of Germany geht es wie bei der Suche der nach dem nächsten deutschen ESC-Vertreter in der Tat um gesangliche Qualität. Auch wenn es schon ein wenig nachdenklich stimmt, dass die meisten Kandidaten dann doch jung, gut aussehend und eben popstarfähig wirken. Aber geschenkt. Ein bisschen Fassade darf eben auch sein, wenn die Stimmbänder nur mitspielen.

Wahrscheinlich würde ich sogar noch öfter zuschauen (und -hören), wenn es die Juroren in dem löblichen Versuch, einen Kontrapunkt zu dem mitunter widerwärtigen Kandidaten-Gebashe eines Dieter Bohlen zu setzen, es nicht so gnadenlos übertreiben würden. So gut und richtig Respekt und Anerkennung für junge, erfahrene Talente ist, so abwegig und auch nervig ist es, eben jene mit euphorischen Lobeshymnen in den Pophimmel zu loben.

Ein Thomas D., nach offizieller Lesart Präsident des ESC-Kandidaten-Findungs-Komitees, scheut sich denn auch nicht, nahezu jedem seiner (!) Sänger mit den immer gleichen Superlativen Weltklasse zu bescheinigen. Das ist ein netter Zug gegenüber den mitunter nervösen Kandidaten, die ihre Sache in den bisherigen zwei Sendungen überwiegend toll gemacht haben. Aber es ist eben auch zu viel des Guten - und für den Anspruch einer kritisch-sachlichen Jury, deren inhaltliche Kommentare durchweg Kompetenz ausstrahlen, unangemessen.

Ähnlich euphorisch geht es bei The Voice of Germany zu. Die Juroren, die hier als Paten fungieren und ihre Kandidaten gegen die der Co-Juroren durchsetzen wollen, lassen denn auch meist keinen Zweifel daran, wie großartig, herausragend und fantastisch sie ihre Jungs und Mädels finden. Das sei ihnen gestattet. Mir als Zuschauer sei es dann aber auch erlaubt kundzutun, dass mich das ewige „Super! Wahnsinn! Hammer!” allmählich tierisch auf den Zeiger geht.

Aber vielleicht bin ich ja auch neidisch und ärgere mich, dass das euphorische Lob nicht mir gehört. Ich sollte mich eben doch langsam bewerben. Vielleicht ist meine Stimme ja doch absolut fantastisch…

Herr Magath, es nervt

16. Januar 2012

Felix Magaths Einkaufspolitik hat mich einmal amüsiert. Und zu dem einen oder anderen Scherzchen veranlasst. Einen Kader mit der Dimension einer türkischen Hochzeitsgesellschaft nannte ich das menschliche Sammelsurium, das er sich da auf Schalke zusammengestellt hatte. Die Zahl der Neuverpflichtungen erreiche allmählich die Größenordnung der Ehegatten von Liz Taylor, meinte ich unlängst. Doch allmählich gehen mir die Zoten aus. Felix Magath, der wahllose Raubritter mit der unstillbaren Kaufsucht - die Pointe hat sich allmählich verbraucht.

Wäre es nicht der VfL Wolfsburg, den Magath so in Grund und Boden managt, sondern irgendein Verein, für den ich zumindest leise Sympathien hegte, würde ich mich langsam regelrecht aufregen. Acht Neuverpflichtungen hat Magath in der Winterpause bereits getätigt, darunter so namhafte Kicker wie Giovanni Sio, Ferhan Hasani oder Slobodan Medojevic. Gewiss, jeder Profi verdient eine faire Chance. Genauso wie Junmin Hao, Anthony Annan, Ciprian Deac oder Tore Reginiussen - allesamt Spieler, die Magath während seiner Tätigkeit auf Schalke verpflichtet hatte und die über ein paar wenige Einsätze nicht hinauskamen und Gelsenkirchen längst wieder verlassen haben. Die Liste Magathscher Feheinkäufe ließe sich beliebig fortsetzen.

Magath scheint dabei nach dem Gießkannenprinzip zu operieren. Wer viel kauft, wird auch irgendwann mal einen Treffer landen. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung hat Magath auf seiner Seite, die Grundsätze einer professionellen und sozialen Personalpolitik ganz sicher nicht - genau so wenig wie das Prinzip einer effektiven Finanzplanung.

Solchen Vorhalten pflegt Magath in der Regel mit dem Verweis auf die eigenen Erfolge entgegen zu treten. Die Titel, die er mit den Bayern und dem VfL Wolfsburg errungen habe, gäben ihm doch wohl Recht. So falsch könne seine Strategie dann doch wohl nicht sein. Daran ist richtig, dass im Sport nach wie vor der Erfolg nahezu alle Mittel heiligt. Doch richtig ist eben auch, dass es Magath bislang nie gelungen ist, eine Mannschaft langfristig aufzubauen. Nach kurzfristigen Erfolgen war zumeist schnell Schluss. Die Mannschaft wollte und konnte nicht mehr mit Magath zusammenarbeiten. Das Verhältnis zu dem kommunikationsscheuen Trainer lag in Trümmern und machte eine Fortsetzung der Kooperation unmöglich.

Magath ist und bleibt daher ein Mann für die kurzfristigen Ziele. Langfristige konzeptionelle Arbeit ist unter dem Trainer Magath, der bei der Personalplanung genauso wahl- wie sorglos agiert, nicht denkbar. Das wird sich, wie sein jüngster Kaufrausch nahelegt, wohl auch in absehbarer Zeit nicht ändern.

Umso wichtiger ist es da, dass man Magath unablässig mit seinem lächerlichen Gebaren konfrontiert und ihm keine Ausreden mehr zugesteht. Denn so belustigend sein Rumwildern in fremden Kadern einst war, so nervig ist es jetzt nur noch. Mich widert es nur noch an.