Liga-Lehren reloaded 11/12

28. Februar 2012

Die Liga-Lehren reloaded, exklusiv auf SPOX.com!


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Die 5. Ausgabe: Shitstorm happens

Der streitbare Präsident

27. Februar 2012

Es gab wohl gute Gründe, den Begriff „Shitstorm“ zum Anglizismus des Jahres zu küren. Dabei dürfte weniger sein böse-provokativer Klang als vielmehr die dahinter steckende Bedeutung den Ausschlag gegeben haben: Eine sich im Internet Bahn brechende Welle der Empörung, die in einer Mischung aus sachlicher Kritik und polemischer Zuspitzung einen (vermeintlichen) Missstand anprangert.

Joachim Gauck, der designierte neue Bundespräsident, ist nach Auffassung einiger Shitstormer ein solcher Missstand, da er für das höchste Staatsamt in ihren Augen wahrlich nicht geeignet sei. Begründet wurde diese jüngste Empörungswelle mit allerlei, zum Teil aus dem Kontext gegriffenen, Zitaten des einstigen Stasiakten-Beauftragten, die belegen sollten, dass sich hinter Gauck ein kalter, berechnender Sonderling verberge, ein Freiheitssüchtiger ohne soziale Kompetenz.

Dass diese Betrachtung so gar nicht passt zu dem Bild des sympathischen und einfühlsamen Intellektuellen, welches Gauck bei seinen zumeist glänzenden Auftritten in der Öffentlichkeit abgibt, scheint dabei nicht weiter von Belang. Genau so wenig wie die Erwägung, dass die in Bezug genommenen Zitate eben doch nur Ausschnitte aus höchst differenzierten Betrachtungen des kommenden Bundespräsidenten darstellen.

So ist Gauck mitnichten ein Anhänger Sarrazins, sondern eben nur ein Freigeist, der sich erlaubt, dessen verschiedene Integrationsthesen konkret zu beurteilen, ohne sie pauschal abzulehnen. Die dieser Betrachtung entspringenden Einschätzungen muss man nicht teilen, aber man kann sie respektieren. Und so sind viele der Auffassungen Gaucks womöglich ein Widerspruch zur Mehrheitsmeinung in diesem Lande, daher jedoch noch lange nicht falsch.

Der jüngste Shitstorm gegen Gauck ist somit nicht nur folgerichtig, sondern in gewisser Weise vielleicht gar typisch für den neuen Präsidenten. Folgerichtig erscheint er als Konsequenz der allgemeinen, scheinbar einhelligen Zustimmung für Gauck, der längst zum Messias dieses Landes hochstilisiert wurde. Der neue Präsident als Allheilsbringer – das muss Widerspruch heraufbeschwören.

Doch Kritik und Widerspruch werden Gauck wohl auch in seiner Präsidentschaft begleiten. Denn es gehört, das hat die Vergangenheit bewiesen, nicht zu seinem Portfolio, Politikern und Volk nach dem Mund zu reden. Gauck ist ein Verfechter der Freiheit und ficht die Idee der freien Rede am eigenen Beispiel konsequent und schonungslos durch. Er sagt, was er denkt, mag er damit auch vielen auf die Füße treten.

Joachim Gauck wird ein streitbarer Präsident sein. Und genau das ist es, was das oftmals viel zu angepasste Deutschland nach dem Konformisten Wulff braucht. Streitlust und Streitkultur können einer freiheitliche Demokratie nur nützlich sein. Dass dies nicht immer leicht ist, sondern mit Anstrengung und zuweilen mit Ärger verbunden ist, sollte dabei nicht vergessen werden. Insofern ist Gauck in gewisser Weise auch ein Belastungstest für unsere plurale Gesellschaft, doch vor allen Dingen eine Bereicherung.

Beziehungsprobleme

20. Februar 2012

Nein, kein hämischer Kommentar über den Beschuldigten Wulff, kein erleichterter Nachruf auf einen Bundespräsidenten, den erst die Staatsanwaltschaft aus dem Amt jagen musste. Nein, für solche Kleinigkeiten habe ich momentan keine Zeit. Ich habe dringendere Sorgen - Beziehungsprobleme. Wohl keine, die unser Verhältnis ernsthaft gefährden könnten, aber eben doch ein zunehmendes Unbehagen, das mir zu schaffen macht. Und deshalb folge ich dem Rat erfahrener Paartherapeuten und tue das Einzige, was in solchen Fällen hilft: Reden. Ich spreche also aus, was mich bedrückt, möge es dazu beitragen, mein Befremden gegenüber meiner alten Liebe abzubauen.

Lieber Uli, lieber Karl-Heinz,
ich verstehe ja, dass man hin und wieder eine Attacke fahren muss. Das gehört zum Geschäft, das gehört zum FC Bayern, das muss so sein. Aber jetzt plötzlich auf die Schiedsrichter losgehen und schmollend beklagen, dauernd benachteiligt zu werden, ist doch eher peinlich. Sowas habt Ihr, sowas haben wir doch nicht nötig. Vielleicht bin ich ja naiv, aber ich glaube einfach nicht, dass die Unparteiischen notorisch gegen den FC Bayern pfeifen. Genauso wenig, wie ich der umgekehrten Verschwörungstheorie Glauben schenke, nach der man uns konsequent bevorzugt. Doch selbst wenn es so wäre, dass die Männer in Schwarz meinen, ruhig einmal gegen den großen FCB einen Elfmeter zu pfeifen oder eine Gelbe Karte zu zeigen, selbst wenn dem so wäre, könnte man aber auf ein öffentliches Wehklagen doch verzichten. Das passt doch nicht zu einem so selbstbewussten und unerschütterlichen Club wie den FC Bayern. Seht es doch mal anders: Was kümmern uns Schiedsrichterleistungen - wir sind der FCB, wir gewinnen so oder so. Wäre mir allemal lieber als dieses beleidigte Rumgeheule. Musste ich einmal loswerden.

Lieber Christian,
ich weiß, die Geschichte ist längst abgehakt. Doch ich denke noch immer mit einer gewissen Scham zurück: Bayerns große Facebook-Offensive, getarnt als Verkündung eines hochkarätigen Neuzugangs für die Offensive. Zugegeben, ich war ja ganz froh, dass mein großer Albtraum, die Rückkehr von Santa Cruz, nicht Wirklichkeit wurde. Da war mir ein peinlicher PR-Gag schon lieber. Aber er war eben doch: peinlich. Ich finde es ja super, wenn Ihr Eure alberne Internet-Skepsis langsam aufgebt, aber ein bisschen professioneller darf’s schon sein. Musste ich einmal loswerden.

Lieber Jupp,
ganz im Vertrauen: Du bist mein Lieblings-Bayern-Trainer. Als Du 1987 an die Säbener Straße kamst, habe ich Dich direkt in mein Bayern-Herz geschlossen und Deinen Abgang vier Jahre später sehr bedauert. Du warst mein erster Bayern-Trainer (Udo Lattek zählt nicht) und wirst für mich stets etwas Besonderes sein. Doch manchmal verstehe ich Dich nicht. Ich weiß, Fans verstehen den Trainer ihres Vereins oftmals nicht. Sie bezweifeln die Taktik, nörgeln an der Mannschaftsaufstellung rum und halten den Coach zuweilen für einen absoluten Volltrottel. Doch darum geht’s mir nicht. Oder doch - irgendwie. Ich kann einfach nicht nachvollziehen, warum Du so wenig Vertrauen in einige Deiner Spieler hast. Da haben wir zu Saisonbeginn mit Nils Petersen einen jungen hoffnungsvollen Stürmer geholt, der sich über den einen oder anderen Kurzeinsatz beweisen soll und vielleicht zu einem Großen reifen soll. Aber Du gibst ihm einfach keine Chance. Nicht mal ein paar Minuten Spielpraxis gönnst Du ihm. Und unserem jungen Japaner scheinst Du wohl vollends zu misstrauen. Stattdessen immer die gleichen Auswechslungen: Olic, Tymoshchuk, Alaba… Das ist mir zu mutlos, das nervt mich, das ärgert mich an Dir und meinem FC Bayern. Musste ich einmal loswerden.

So, jetzt geht’s mir besser.