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Die 6. Ausgabe: Der innere Guerrero

Endlich im Amt

26. März 2012

Die Erleichterung war förmlich zu spüren. Als Norbert Lammert das Ergebnis der Bundespräsidentenwahl verkündete, ging ein millionenfaches Aufatmen durchs Land: Endlich war sie vorbei, die Schreckensherrschaft des bayrischen Bierzeltpredigers Horst Seehofer, der sich über einen Monat lang als Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland fühlen durfte. Doch ehe das halbe Land dazu übergehen konnte, den verzweifelten Plan einer Notemigration in die Tat umzusetzen, war er auch schon da: Joachim Gauck, der Messias von Bellevue, der pastorale Anti-Wulff, der uns von der Pein des bajuwarischen Intermezzos befreien sollte.

Die Wahl Joachim Gaucks zum neuen Staatsoberhaupt ist aber nicht nur wegen der mit ihr verbundenen Errettung von Seehofer eine echte Erlösung. Sie erlöst uns auch von den wochenlangen Prophezeiungen und Deutungen um die Person Gaucks und seiner mutmaßlichen Interpretation des Bundespräsidentenamtes. Was wurde nach Bekanntwerden seiner Kandidatur nicht alles spekuliert, diskutiert, prognostiziert, vor allem aber schwadroniert über Stärken und Schwächen des neuen Staatsoberhauptes. Im Mittelpunkt dabei die ewige Frage nach der Freiheit und ihrer Auslegung im Gauck’schen (Selbst-)Verständnis.

Freiheit, so hieß es meist, sei nicht alles, aber eben doch irgendwie der Kern des Ganzen. Die Gesprächsrunden in den verschiedenen Polittalks verkamen dabei regelmäßig zu einem staatspolitischen Einführungsseminar, mit viel Blabla aber wenig Substanz. „Gauck = Freiheit” lautete die einfache Formel, auf deren Grundlage diskutiert wurde über den Wert der Freiheit und ihrer Vereinbarkeit mit den Erfordernissen des modernen Sozialstaats. Viel herausgekommen ist dabei erwartungsgemäß nicht. Allenfalls der vorsichtige Fingerzeig für Gauck, sich nicht zu sehr auf seinen Lieblingsbegriff zu fokussieren.

Ob der neue Bundespräsident die Beschwörungen in seiner Amtsführung berücksichtigen wird, erscheint zweifelhaft. Als Liebhaber der Freiheit ist er eben auch ein Freigeist, der sich - auch im höchsten Staatsamt - seine Unabhängigkeit und seinen Eigensinn bewahren wird. Die Zeit wird zeigen, wie sehr ihn seine neue Aufgabe verändern wird. Die prophetischen Weissagungen zu Gaucks Amtsinterpretation werden der Realität Platz machen. Es ist gut, dass Gauck endlich im Amt ist.

Ende auf Raten

19. März 2012

Die Erlösung hatte auch etwas Ernüchterndes: Die Wetten dass..?-Nachfolge ist endlich geklärt. Germanys Next Gottschalk heißt – wie nicht anders zu erwarten – Marcus Lanz. Weitere nervtötende Diskussionen über die Frage aller Fragen („Wer macht es denn nun?“) bleiben uns damit zum Glück erspart. Was bleibt, ist die traurige Erkenntnis, dass das Schlachtschiff der Samstagunterhaltung nun also endgültig dem Untergang entgegen schippert.

Natürlich verdient auch Marcus Lanz eine faire Chance. Er soll zeigen können, dass auch ein smarter Talkshow-Conférencier den schlagfertigen Gute-Laune-Onkel geben kann. Die Skepsis, die dem neuen Wetten dass..?-Moderator entgegenschlägt, hat gleichwohl ihre Berechtigung, war Lanz doch alles andere als die Wunschlösung. Erst nachdem die bevorzugten Kandidaten (Kerkeling, Pilawa) ihr Nein erklärt hatten, trat man – mangels Alternativen – an ihn heran. So ist Marcus Lanz nicht nur die letzte (kleine) Hoffnung für den Samstagabend, sondern eben auch Sinnbild für den fehlenden Nachwuchs in der Unterhaltungsbranche.

Die großen Entertainer, die vielseitigen Unterhaltungskünstler vom Schlage eines Frankefeld oder Kulenkampff gibt es schon lange nicht mehr. Auch Gottschalk gehörte nicht zu der Generation der begnadeten Showmaster, die das Publikum mit ihren mannigfaltigen Talenten in ihren Bann zu ziehen wussten. Doch ihm gelang es eben, den Mangel an schauspielerischem und musikalischem Vermögen durch Charme und Schlagfertigkeit auszugleichen. Marcus Lanz wird dies – aller Voraussicht nach – nicht schaffen. Er ist nett, elegant und routiniert – und damit eben auch ziemlich langweilig.

Was prädestiniert ihn also für die Leitung einer Samstagabendshow, die in den letzten Jahren vor allem von dem Witz und der Kodderschnauze ihres Moderators gelebt hat? Gewiss, Lanz wird deutlich bessere Interviews führen, als es der fahrige und mitunter oberflächliche Gottschalk je vermocht hat. Charme, Esprit und Humor gehen vom neuen Mr. Wetten dass..? aber eben nicht aus. Und so dürfte sich die große Samstagabendshow im ZDF zukünftig noch belangloser gestalten als zuletzt.

Das ZDF hat – anders als Gottschalk selbst – den Zeitpunkt zum Absprung verpasst. Das Fehlen an wirklich geeigneten Nachfolgekandidaten hätte Bellut & Co. nachdenklich stimmen sollen, ob Wetten dass…? unter diesen Voraussetzungen überhaupt noch Sinn ergibt. Ein klarer Schlussstrich wäre ganz sicher die beste Lösung gewesen. So wird es ein Ende auf Raten – mit Marcus Lanz als Sterbebegleiter.