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Der Saisonrückblick: Nimm Tor 2 - oder Skibbe!

Die Sache mit der CSU

28. Mai 2012

Meine Twitter-Timeline gibt mir, wie in der vergangenen Woche bekundet, mitunter Rätsel auf. Manchmal scheint aber auch das, was ich so in die virtuelle Welt hinauszwitschere, Stirnrunzeln bei meiner Followerschaft auszulösen.

So geschehen, als ich kürzlich mein Befremden über die Zusammensetzung der Berliner Runde nach der NRW-Landtagswahl äußerte. Denn trotz Deppendorfs salbungsvoller Erläuterungen leuchtete mir mal wieder nicht ein, was die so unnordrhein-westfälische CSU, vertreten durch ihren Generalsekretär Alexander Dobrindt, hier zu suchen hatte. Das, so hallte es mir in Tweet-Form entgegen, sei aber doch schon immer so gewesen. Ich sollte mich darum, so las ich jedenfalls zwischen den Zeilen, doch nicht so aufregen.

Nun mag das „immer-schon-so”-Prinzip ein heiliger Grundsatz des deutschen Berufsbeamtentuns sein. Argumentativ ist der Hinweis auf überkommene Traditionen aber immer etwas dünne. Weshalb ich mich trotz Twitter-Einspruchs auch nicht davon abbringen lassen will zu hinterfragen, was die CSU eigentlich zur Teilnahme an einer solchen Runde berechtigt.

Reicht da wirklich der Verweis auf ihren Status als im Bundestag vertretene Partei aus? Ich finde nein. CDU und CSU bilden eine Fraktion im Bundestag, wobei die CSU eben keine bundesweit agierende Partei darstellt, sondern sich allein aus bayrischen Kräften rekrutiert. Sie tritt darum logischerweise auch nicht in NRW an und überlässt das Feld hier, wie in den anderen 14 Bundesländern, der CDU. Wäre es dann nicht auch konsequent, sich bei der Berliner Runde durch die große Schwester vertreten zu lassen und auf ein eigenes Auftreten zu verzichten?

Die CSU ist und bleibt die gespaltene Persönlichkeit unter den Parteien Deutschlands - gefangen im inneren Widerspruch zwischen bayrischer Volkspartei und nationalem Besserwisser, der zu allem und jedem seinen (bitter-)süßen Senf gibt, ganz gleich ob der nun gefragt ist oder nicht. Niemand könnte diese Paradoxie besser verkörpern als der bayrische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Horst Seehofer. Als bajuwarischer Volkstribun spielt er die Rolle des deutschen Chefinquisitors, der unbayrische Versager wie den erfolglosen Ministerpräsidenten Kandidaten Röttgen wohlfeil zu Recht weist.

Seehofer scheint dabei auch geflissentlich zu ignorieren, dass große Teile Restdeutschlands (so betrachten CSU-Bayern wohl den nicht bayrischen Teil Deutschlands) seine Schauspieleinlagen als laienhafte Selbstparodien bewerten. So wie die Agitationen der CSU insgesamt, die noch immer nicht verstanden hat, dass Aufgeblasenheit auch nur eine Luftnummer ist.

Sie unterhält mich, informiert mich und gibt mir so manche Rätsel auf. Und genau deshalb möchte ich sie inzwischen nicht mehr missen. Meine Twitter-Timeline schafft es immer wieder mich zu überraschen. Wie vor kurzem, als sie sich über Stunden hinweg mit der Frage beschäftigte, wie viel Parteinahme und Begeisterung einem Sportjournalisten eigentlich so zugestanden werden dürfen. Anlass war der ekstatische Jubel des Spiegel-Online-Journalisten Tim Röhn, der im Berliner Olympiastadion mit Fortuna-Trikot bekleidet den Relegationshinspiel-Sieg seiner Düsseldorfer bejubelte. Kaum hatten die Bilder des Netzreporters die Runde gemacht, entspann sich auf Twitter eine langwierige Diskussion über journalistische Distanz im Allgemeinen und bei der Sportberichterstattung im Besonderen.

Einen wirklichen Konsens brachte der tweetzige Schlagabtausch nicht hervor. Was mich kaum verwunderte - im Gegensatz zu der Tatsache, dass man über so ein Thema derart lange debattieren kann. Denn im Grunde genommen liegen die Dinge doch ganz einfach, aber eben doch irgendwie auch wieder etwas kompliziert.

Ganz einfach lässt sich die Frage nach Distanz und Zurückhaltung in der Sportberichterstattung beantworten, wenn man an sie die gleichen Maßstäbe anlegt, die für den Journalismus insgesamt gelten. Kritische Distanz ist schließlich so etwas wie das Wesensmerkmal des professionellen Journalismus - für den Publizisten so unverzichtbar wie die Hygiene für den Arzt. Um dies zu erkennen, bedarf es auch keiner Bezugnahme auf Hanns-Joachim Friedrichs. Dass sich Journalisten mit einer Sache, selbst einer guten, nicht gemein machen dürfen, verstehst sich von selbst bei einem Beruf, dessen Basis Objektivität und Sachlichkeit sind. Ein Politjournalist, der mit dem Fähnchen seiner favorisierten Partei durch die Lande zieht, ist deshalb vollkommen zu Recht absolut unvorstellbar. Ein feiernder Sportreporter im Trikot seiner Lieblingsmannschaft dann aber doch wohl auch.

Etwas schwieriger gestalten sich die Dinge, wenn man dem Sportjournalismus eine Ausnahmestellung zubilligt und über einen kurzzeitigen Ausbruch aus den Fesseln der professionellen Distanz wohlwollend hinwegsieht. Wer seinen Fan liebt, soll - auch wenn ihm seine journalistische Sorgfaltspflicht an sich etwas anderes vorgibt - seine Begeisterung auch einmal leben dürfen. Da darf man doch mal ein Auge zudrücken. Oder? Womit sich die Frage stellt, weshalb man an die Sportberichterstattung - zumindest hier und da - geringere Anforderungen stellen sollte. Schließlich hat doch auch der Sportzuschauer oder -leser Anspruch auf eine saubere, d.h. distanzierte und differenzierte Berichterstattung. Aber Fakt ist eben auch, dass der Sport - anders als die Politik - kein zu 100% bierernstes Geschäft ist, sondern zu großen Teilen einfach der Unterhaltung dient. Wenn es also eben doch nicht um die ganz großen Dinge des Lebens geht, wird man bezüglich seiner berichterstattenden Begleiter nicht die ganzen strengen Maßstäbe anlegen dürfen.

Man kann die Sache also so oder so betrachten. Was die unendliche Debatte in meiner Timeline dann wohl doch erklärbar macht - oder auch nicht. Es ist eben auch eine Frage des Geschmacks. Für einen Journalisten, der etwas auf sich und seinen Berufsstand hält, sollte die Frage gleichwohl einfacher zu beantworten sein. Wer sich bewusst den Anforderungen des Journalismus aussetzt, muss auch damit leben, dass er daran gemessen wird.

Ich selbst habe übrigens ganz bewusst darauf verzichtet, mich mit ausführlichen Beiträgen in die Diskussion in meiner Timeline einzuschalten, will aber zumindest an dieser Stelle meinen Standpunkt nicht verhehlen: Als Sportreporter jedwede Distanz aufzugeben und den Lieblingsverein derart offen und ungehemmt zu unterstützen, ist absolut unprofessionell - aber eben doch so menschlich.