Total am Boden?

27. August 2012

Die Lobeshymnen wollten nicht abreißen. Nach einer blitzsauberen EM-Quali, die irgendwo zwischen bilderbuchreif und einmalig einzuordnen war, schien sich Fußball-Deutschland einig: Um die deutsche Nationalmannschaft könnte es kaum besser bestellt sein, auch und nicht zuletzt wegen ihres Trainers. Joachim Löw galt als ein einziger großer Glückfall für den deutschen Fußball.

Inzwischen hat sich das Bild um fast 180 Grad gedreht. Nach dem enttäuschenden Halbfinal-Aus bei der EM und dem ernüchternden 1:3 gegen Argentinien ist von Euphorie rein gar nichts mehr zu spüren. Kritische Stimmen wie die von Oliver Kahn oder Ex-Nationalspieler Thomas Berthold, der dem Bundestrainer „haarsträubende Fehler” attestierte, gewinnen die Oberhand. Es scheint, als sei nichts mehr so, wie es einmal: Der deutsche Fußball liegt am Boden. Oder doch nicht?

Die Bewertung der deutschen Nationalmannschaft im Allgemeinen und der Arbeit Joachim Löws im Speziellen steht beispielhaft für ein zwar menschliches, aber eben auch so typisch deutsches Phänomen, den Hang zu den Extremen. Der Unterschied zwischen herausragend gut und erbärmlich schlecht scheint nur noch eine Nuance zu sein. Und die Erkenntnis von der Wahrheit, die eben doch so oft in der Mitte liege, wird als alberne Plattitüde abgetan.

Wahr ist: Die begeisternde und überzeugende EM-Qualifikation bringt uns jetzt auch nichts mehr. Souveräne Siege gegen Belgien oder Kasachstan nützen herzlich wenig, wenn man im entscheidenden Moment doch versagt. Und das Habfinale gegen Italien war ein solch entscheidender Moment, in dem die Mannschaft - aber auch der Trainer - auf ganzer Linie gescheitert sind. Löws taktisches Manöver, sich - den eigenen Stärken misstrauend - an den Qualitäten des Gegners zu orientieren, erwies sich als Rohrkrepierer, der durchaus sinnbildlich für die Befindlichkeit des deutschen Teams steht: Bei aller spielerischen und individuellen Klasse fehlt uns einfach der entscheidende Mumm, die nötige Portion Selbstvertrauen, der letzte Tick Fighting Spirit.

Die aufkommenden Zweifel sind daher durchaus berechtigt; die Vehemenz, in der sie vorgetragen wird, nicht. Auch Löw & Co. verdienen bei ihrer Beurteilung sportliche Fairness. Ein wohl abgewogenes, angemessenes Urteil. Und dies darf eben nicht außer Acht lassen, welch wegweisende und profunde Arbeit der Bundestrainer in den letzten Jahren geleistet hat. Ihm ist es gelungen, eine kompakte, auf sich eingestimmte Mannschaft zusammenzustellen, die durch spielerische Klasse und taktisches Geschick zu überzeugen weiß. Joachim Löw hat eine gute Mannschaft aufgebaut, aber keine große. Das muss er sich vorwerfen lassen. Doch schon dies wiegt schwer genug.

Endlich!

20. August 2012

Die Sommerpause war lang, elendig lang. Einen sage und schreibe 110tägigen Entzug von seiner Lieblingsdroge mutete man dem deutschen Fußball-Freund zu. 110 Tage ohne Bundesliga - an sich ein Fall für die Genfer Menschenrechtskonvention. Für den gemeinen Bayern-Fan kam diese Auszeit nach dem ernüchternden Ende der zurückliegenden Saison aber wohl gerade richtig. Die markerschütternde Niederlage im Finale dahoam und das doppelte Nachsehen gegen den BVB in Meisterschaft und Pokal waren in der Summe schlicht zu viel, um sich vorbehaltlos auf die neue Spielzeit freuen zu können. Da brauchte es einfach eine ausgiebige Pause, um wieder Lust und Freude an seinem Liebsten zu gewinnen. In langjährigen Beziehungen soll es ja ähnliche Erscheinungen geben.

Am kommenden Freitag startet die Bundesliga also wieder. Und ich kann - was am 19. Mai noch unmöglich schien - ein befreites „Endlich” vor mich hin seufzen. Endlich ist diese furchtbare Sommerpause vorbei. So schön auch Olympia mit seinem sportlichen Potpourri war, so aufregend die Europameisterschaft (trotz des frustrierenden Halbfinal-Aus der deutschen Mannschaft) auch daherkam, so wenig eignete sich beides doch als Ersatzdroge für das, was mir seit nunmehr ziemlich genau 25 Jahren lieb und heilig ist.

Und wenn die Bundesliga nun in ihre 50. Spielzeit geht, so kann ich von mir behaupten, exakt die Hälfte dieser faszinierenden Geschichte miterlebt zu haben. Den Reiz der Bundesliga in Worten erklären zu wollen, erscheint dabei aussichtlos. Ich will es denn auch gar nicht versuchen - allein die Erleichterung über das Ende der schier ewigen Sommerpause zeugt davon, wie sehr mich diese Liga in den vergangenen 25 Jahren in ihren Bann gezogen hat.

Es geht also wieder los. Endlich. Und selbst die mögliche Aussicht auf ein abermals enttäuschendes Abschneiden meiner Bayern hinter dem BVB (woran ich freilich nicht glauben will und kann) vermag meiner Freude keinen Abbruch zu tun. Ich bin wieder heiß.

Oh my dear

13. August 2012

Wie gerne hätte man sich nachsichtig gezeigt, Milde bewiesen und ein versöhnliches Urteil gefällt. Wie gerne hätte man die Öffentlichen-Rechtlichen Sender nach dem EM-Desaster von Usedom einfach mal so über den grünen Klee gelobt. Wie gerne wäre man zu einem euphorischen Fazit über die Olympia-Berichterstattung von ARD und ZDF gekommen. Doch leider steht all dem mal wieder etwas schrecklich Reales entgegen: die Wirklichkeit.

Denn ganz real betrachtet gab das, was sich die beiden Sendeanstalten aus London in den vergangenen zwei Wochen so zusammenkommentiert und -moderiert haben, erneut wenig Anlass zur Begeisterung. To put it mildly, wie man auf der Insel zu sagen pflegt. Mag der Gesamteindruck auch bei weitem nicht so ernüchternd ausfallen wie das Schreckensszenario an der deutschen Ostseeküste, so ließ die Olympia-Berichterstattung gleichwohl zu wünschen übrig - in vielerlei Hinsicht.

Da ist zunächst die zuweilen groteske Rahmenberichterstattung über royale Teezeremonien und psychologische Hausfrauentipps, in deren Zuge das Hauptereignis - genau: der Sport - nonchalant aus den Augen verloren wurde. Statt Live-Berichten vom Volleyball oder Tischtennis philosophierte man lieber im Studio über die große und kleine Welt Olympias. Apropos Live, wer sich die rund 15 Stunden tagtäglich auf ARD oder ZDF zumutete, musste zu einem verstörenden Ergebnis kommen: Live ist bei Olympischen Spielen offensichtlich nichts. Alles findet irgendwie, irgendwann statt - aber ganz sicher nicht in dem Augenblick, da man es im Fernsehen begutachten konnte.

Wer auf die antiquierte TV-Berichte verzichtete und stattdessen auf dieses neumodische Internet setzte, konnte hingegen einen Eindruck davon gewinnen, wie das so ist: Olympia Live. In insgesamt sechs Livestreams berichteten die beiden Sender, mal ruckelig, mal ohne Kommentierung, von den sportlichen Großereignissen des Augenblicks und vermittelten dem, der es wollte, das Gefühl, ganz nah dabei zu sein. Ein Empfinden, das dem klassischen Fernsehzuschauer zumeist vorenthalten blieb, bot sich ihm diesmal nicht - wie bei den zurückliegenden Spielen - die Möglichkeit, Live-Berichten auf den Digitalkanälen zu folgen.

Dass manch skurrile Kommentatorenleistung Anlass zum Schmunzeln gab (man fragt sich noch immer, wieso die ARD beim Bogenschießen stammelnde Praktikanten einsetzt), sei an dieser Stelle nicht weiter erwähnt. Es gab auch so schon genug, über das man sich ärgern konnte. Schade - wir hätten so gerne mal wieder gelobt. Aber an der Wirklichkeit kommt man eben nicht vorbei.