6:1 hatte man das Auswärtsspiel in Hannover gewonnen, den Gegner dabei nach allen Regeln der Kunst auseinandergenommen und wieder einmal die derzeitige Dominanz eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Dennoch war der 20. April 2013 kein guter Tag für den FC Bayern, womöglich gar einer der schwärzesten der Vereinsgeschichte. Das Bekanntwerden der Steueraffäre Hoeneß warf einen großen Schatten auf den Club, der sportlich gerade die wohl beste Zeit seit Jahrzehnten erlebt.

Ich selbst konnte die Meldung zunächst nicht begreifen und will sie bis jetzt noch nicht so recht wahrhaben. Uli Hoeneß, das fleischgewordene Vorbild, der unermüdliche Kämpfer für das Soziale in unserer Gesellschaft, Mr. FC Bayern soll ein Steuerhinterzieher sein, der sich entgegen der eigenen moralischen Ansprüche am Gemeinwohl versündigt hat? Es ist für mich noch immer unfassbar.

Meine Reaktion lässt sich denn wohl auch als eine Mischung aus Irritation, Schock, Ungläubigkeit und Wut beschreiben. Wut über unseren Präsidenten, der sich mehr als nur einen schweren Fehler geleistet hat. Steuern zu hinterziehen, ist kein unbedachter Fauxpas, keine nonchalante Nachlässigkeit, sondern eine schwere Straftat mit Kalkül und Vorsatz.

Und doch geht die allgemeine Empörung, wie wir sie im Internet als den inzwischen gewohnten Shitstorm, in der Presse als durchchoreografierte Kampagne und im Fernsehen als hysterischen Talkshow-Wahnsinn erleben, mindestens eine Nummer zu weit. Sie ist - spiegelbildlich gesehen - genauso überzogen wie die devote Heldenverehrung des Bayern-Präsidenten als moralische Integrität ohne Makel.

Natürlich wäre es zu einfach, die Sache mit dem obligatorischen Hinweis auf eine maßvolle Bewertung abtun zu wollen. Dafür hat sich Hoeneß letztlich selbst zu sehr in der Rolle des Mahners mit dem erhobenen Zeigefinger gefallen. Er ganz persönlich hat die Fallhöhe, aus der er nun abgestürzt ist, zu verantworten. Und doch bildet sich an seinem Fall doch wieder unser aller Hang zu den Extremen ab, der kein sachliches Mittelmaß zu kennen scheint.

Die Steueraffäre selbst - so viel lässt sich trotz der noch immer dünnen Faktenlage feststellen - duldet keine verharmlosende Relativierung. So sehr wir noch immer dazu neigen, bei Steuerkriminalität von Kavaliersdelikten zu sprechen, so wenig lässt sich Uli Hoeneß‘ Handeln rechtfertigen. Was er getan hat, war inakzeptabel. Die juristische Bewertung werden die Gerichte vornehmen.

Ich selbst missbillige Hoeneß‘ Tat. Ich bin enttäuscht, frustriert und ratlos. Von Hoeneß‘ Handeln will ich mich distanzieren, von seiner Person nicht: Seit einem Vierteljahrhundert bin ich nun Fan des FC Bayern und habe Uli Hoeneß dabei stets als den Inbegriff dieses Vereins gesehen, als Macher, Gestalter, ja als Seele des FCB, ohne den dieser Club bei weitem nicht das wäre, was er heute darstellt. Ich habe Uli Hoeneß bewundert, vielleicht gar verehrt, habe mir gewünscht, ihn einmal persönlich kennenzulernen, um mich mit ihm über die großen und kleinen Dinge des Lebens auszutauschen. Für mich war Hoeneß immer der Größte.

Und jetzt, da eine dunkle Seite von ihm zu Tage zu treten scheint, soll ich mich von ihm lossagen, ihn als Menschen verurteilen, mich von ihm distanzieren? Das kann und das will ich nicht. Das wäre schäbig, das gehört sich nicht. Wer sich - wie ich - über lange Jahre mit Uli Hoeneß als Bayern-Faktotum und Typus Mensch identifiziert hat, darf sich nicht wegen einer Enttäuschung, mag sie auch noch so groß sein, dieser Identifikation entledigen. Ich stehe daher trotz seiner Tat, die mehr ist als nur ein lässlicher Fehltritt, weiter zu Uli Hoeneß - als Person und Repräsentant meines Vereins: Uli Hoeneß ist noch immer mein Präsident. Trotz allem.

Blogspot360 (XXVI)

22. April 2013

Die 26. Ausgabe von “Blogspot360” ist online!

Weiter geht’s mit dem Sportradio360-Blogger-Panel. Diesmal ging’s um Uli Hoeneß - aber nicht nur. Mit Klaas Reese (Reeses Sportkultur), Tobias Singer (Meine Saison mit dem SVW) und Nick von Triantafillou anygivenweekend sprach ich über die Champions League und Bundesliga-Sorgenfalten.

Die Sache mit dem Gönnen

22. April 2013

„Wir sind wieder wer”, mag man in leicht nationalistisch angehauchtem Stolz anmerken. Deutschland ist zum ersten Mal mit zwei Mannschaften im Champions League-Halbfinale vertreten - eine tolle Bilanz, die beweist, dass es um den deutschen Fußball trotz des abermals bescheidenen Abschneidens in der Euro League derzeit sehr gut bestellt ist.

Dass es so kam, ist im Falle von Borussia Dortmund auf das spielerische Potenzial, aber auch auf eine großartige Moral und eine gute Portion Glück zurückzuführen. Denn dass Felipe Santanas Treffer zum 3:2 trotz doppelter Abseitsstellung Anerkennung fand, ist wohl nur mit konsequenter Ignoranz des Schiedsrichtergespanns zu erklären, welches aber bekanntlich auch beim Führungstor der Spanier beide Augen zudrückte. Womit das Weiterkommen des BVB nicht nur verdient, sondern ihn auch zu gönnen war.

Ich gebe zu, ich tat mich mit dem Gönnen etwas schwer und wusste nicht so recht, ob ich beim 3:2 denn nun jubeln oder in die Tischkante beißen sollte. Gewiss, als Freund des deutschen Fußballs gehört es sich, den deutschen Mannschaften international die Daumen zu halten und mit ihnen zu fiebern. So halte ich das gemein auch und habe mich für die Dortmunder über den Gruppensieg und das Weiterkommen gegen Donezk gefreut.

Doch jetzt, da die Entscheidung über den Titel immer näher rückt, erkenne ich vage ein Szenario, das mir so gar nicht gefallen würde: Ein CL-Triumph des BVB. Für den deutschen Fußball wie gesagt eine großartige Sache, für den geneigten Bayern (wie mich) wohl eher eine bittersüße Angelegenheit - mit der Betonung auf „bitter”. Denn würde ein internationaler Titel für den BVB die nationalen Titel der Bayern nicht entscheidend in den Schatten stellen? Würde man wirklich von einem Zurechtrücken der Machtverhältnisse sprechen können, wenn die Schwarzgelben zeitgleich den Thron Europas erklimmen.

Mag sein, dass ich zu sehr in Rivalitäts- und Machterwägungen denke. Aber als Bayern-Fan, der tagein tagaus mit Neid, Anfeindung und Schadenfreude konfrontiert ist, ist es einem eben wichtig, die Nummer 1 zu sein. Das mag anmaßend und arrogant klingen, aber es gehört eben auch zum mia-san-mia. Zu eben jenem Habitus sollte es denn auch gehören, ganz selbstbewusst auf die nächsten Wochen zu schauen und sich keine Sorgen um ein eigenes Scheitern zu machen.

Also gut:  Gehe ich einfach mal davon aus, dass wir Barca schlagen und uns dann in London den Titel holen. Gegen Real oder Dortmund - im Grunde genommen ja wurscht. Doch ein kleiner Zweifel bleibt, und ein bisschen Sorge auch. So sehr ich dem BVB also die Daumen drücken möchte, so schwer tue ich mich letztlich doch damit. Ich mag damit unsolidarisch, verbohrt und kleinkariert sein - aber zumindest auch ehrlich.