Drei fromme Wünsche

29. Juli 2013

Es geht wieder los. In wenigen Tagen startet die Bundesliga in die 51. Saison. Die Abseitsregel wurde ein bisschen durch den Wolf gedreht, der 1. FC Köln ist wieder mal nicht dabei und die Bayern stehen vorab als Meister fest. Also im Grunde genommen die gleiche Ausgangslage wie in den letzten 30 Jahren auch. Es wird also alles mehr oder weniger genau so weiter laufen wie bisher. Und dennoch hätte ich da drei fromme Wünsche. Als hoffnungsloser Romantiker glaube ich ja noch immer, dass sich manches eben doch wieder zum guten Alten zurückentwickeln kann:

Mehr Fußball bitte
Klappern gehört zum Handwerk und Plappern zum Fußwerk. Weshalb seit geraumer Zeit nach Lust und Laune über den Fußball gequatscht und debattiert wird, was das Zeug hält. Weil es eben so viel Spaß macht. Im Grunde ist dagegen auch nichts einzuwenden. Aber in Sendungen, die sich der Berichterstattung verschrieben haben (und dazu zählt bekanntlich auch das ZDF-Sportstudio) dürfte man vielleicht doch die eine andere Talkshowminute dem Spiel auf dem grünen Feld opfern. Vielleicht einfach mal nicht über die Kindheitsträume eines Hannoveraner Jungprofis quasseln und stattdessen die eine oder andere Torchance mehr über den Bildschirm laufen lassen. Das wäre doch was…

Mehr Klarheit bitte
Fußball ist, dies wird allenthalben mit sozialromantischem Pathos beschworen, ein einfaches Spiel und deshalb auch eine Sache für den einfachen Mann. Zu komplex darf es nicht werden - zu simpel aber eben auch nicht, weil sonst das Debattieren plötzlich nicht mehr so viel Freude macht (siehe oben). Und doch: Die letztjährige Diskussion über Hand, Nicht-Hand, unnatürliche Armhaltungen, Hände, die zum Ball gingen, Vergrößerungen der Körperfläche und sonstige anatomisch-psychologische Erwägungen hatten mit dem Sinn des Spiels dann doch wenig zu tun. So populistisch die beckenbaueresken Forderungen à la „Hand ist Hand” auch sein mögen, so sehr wäre hier eine verständliche Klarstellung und entsprechende praktische Umsetzung doch zu wünschen.

Weniger Bayern bitte
Aus dem Munde eines Bayern-Fans mag es nach Heuchelei klingen. Und doch, die derzeitige Fokussierung auf den FC Bayern geht auch mir ein Stück zu weit. Dass die Medien hier nur ein allgemeines Interesse bedienen, für das es nach Triple, Guardiola-Verpflichtung und Götze-Transfer gute Gründe gibt, leuchtet ein. Dennoch scheint sich die Bayern-Spirale dieser Tage zu überdrehen. Mit der Folge, dass wir alle irgendwann doch bayernüberdrüssig sind. Ein gesundes Maß könnte hier nicht schaden. Das wissen selbst die Bayern, schwört man doch seit eh und je auf eine gesunde Maß…

Gespräch mit dem Direks

22. Juli 2013

Was sich der Direks da ausgedacht hatte, ging mal wieder gar nicht. Täglicher Rapport des Sozialverhaltens, Überwachung des Unterrichts per Videokamera, Taschenkontrollen vor dem Unterricht - und das alles nur, weil die Klasse dieses eine Mal auffällig geworden war. Gut, das Lehrerzimmer für ein spontanes Saufgelage zu nutzen, war jetzt nicht unbedingt eine der klügsten Ideen, die die 10c zuletzt in die Tat umgesetzt hatte. Aber der Maßnahmenkatalog des Schulleiters wirkte dann doch reichlich überzogen.

Der Unmut unter den Schülern wuchs. So etwas wollte man sich nicht bieten lassen, schon gar nicht kommentarlos. Klassensprecher Peter wollte es dagegen einfach geschehen lassen. Große Gegenwehr erschien ihm zwecklos. Und irgendwie hatte er ja schon immer geahnt, dass die Klasse dem Schulboss ein Dorn im Auge sei. Er versuchte zu beschwichtigen. Da zu protestieren, ergäbe keinen Sinn, sinnierte er lakonisch. Doch seine Mitschüler ließen sich nicht darauf ein. Da müsse man doch etwas tun, das ginge doch nicht.

Es war wieder einer dieser Momente, in denen Peter seine Aufgabe hasste. So richtig wusste er eigentlich nicht, wie er zu diesem Amt gekommen war: Klassensprecher - das entsprach so gar nicht seiner Persönlichkeit. Für die eigene Überzeugung wollte er eintreten, aber doch nicht für die aberwitzigen Vorstellungen anderer, die eben doch meist meilenweit an der Realität vorbeigingen. Er hatte schlichtweg keine Lust, sich mit dem Direks zu duellieren, hielt er seine Vorstellungen von Disziplin und Ordnung im Grunde doch für ganz richtig. Selbst wenn die jüngsten Maßnahmen auch ihm ein bisschen überzogen erschienen. Andererseits war die Klasse doch nun mal selber schuld.

Der Druck wuchs. Entweder er würde jetzt einmal etwas Alarm machen oder er wäre die längste Zeit Klassensprecher gewesen. Die Drohung beeindruckte ihn wenig. Doch eine Bemerkung traf ihn dann doch: Überhaupt sei er ja wohl ein mieser Klassenvertreter, wenn er sich jetzt scheue, seinen Pflichten nachzukommen. Das wollte er nicht auf sich sitzen lassen. Seine Pflichten würde er nie vernachlässigen. Schließlich war das ja auch irgendwie Teil seines Systems von Recht und Ordnung. Pflichterfüllung gehörte eben dazu - für ihn wie für kaum einen anderen.

Er fragte also im Sekretariat nach, wann er dann mal vorbeikommen könne, um mit dem „Herrn Oberstudiendirektor” etwas zu besprechen. Er müsse in seiner „Aufgabe als Intertressenvertreter der Klasse 10c” etwas diskutieren. Für Peter war es ein reines Müssen, von Wollen konnte keine Rede sein. Am liebsten hätte er alles so laufen lassen, wie es war. Doch diesen einen Vorwurf wollte er eben nicht gegen sich gelten lassen.

Am nächsten Tag empfing ihn der Direktor zu einem kleinen Gespräch. Es dauerte gerade einmal zehn Minuten. Peter erklärte, dass er im Namen seiner Klasse nachfrage, ob die neuesten Maßnahmen denn wirklich erforderlich seien. Der Direktor erwiderte, die Klasse habe sich einen großen Fauxpas geleistet. Und man müsse jetzt alles tun, um die Wiederholung eines solchen Vorfalls auszuschließen. Das habe oberste Priorität. Da müsse man alles Menschenmögliche gegen tun. Peter sah das ein. So etwas könne er verstehen. Da sehe er auch keine Alternative. Aber es wäre eben wichtig, dass man über alles einmal gesprochen habe. Er werde es seiner Klasse ausrichten.

Den Direktor nickte zufrieden und gab Peter die Hand. Was er denn später einmal werden wolle, wollte er zum Abschied noch wissen. Peter zögerte. Er wisse es noch nicht. Aber am liebsten Bundesinnenminister. Der Schulboss grinste beifällig: Das sei doch der perfekte Job für ihn.

Für mich als bekennenden Nostalgiker war es eine fast schon romantische Erfahrung. Zwei Wochen lang Wimbledon intravenös - so wie damals in den guten alten Zeiten. Als Boris Becker noch sympathisch war und Steffi Graf die Dominanz neu definierte.

Nach langer Zeit wollte ich mir das größte und beste Tennis-Turnier wieder einmal in vollen Zügen gönnen. Eine Absicht, die ich den vergangenen zehn Jahren des Öfteren hegte, aber niemals umzusetzen wusste. Doch diesmal kam es anders. Diesmal blieb ich im wahrsten Sinne des Wortes am Ball, auch wenn die kleine Filskugel auf mich gemeinhin doch nicht die Faszination ausübt wie das runde Leder.

Ob es nun am starken Auftreten Sabine Lisickis lag oder an den epischen Schlachten, die sich Murray, Djokovic & Co. in diesen Tagen lieferten, vermag ich nicht zu sagen: Plötzlich spürte ich diese alte Leidenschaft, eine vergessen geglaubte Liebe, die ich in einem fast magischen Moment wiederzuentdecken schien.

Man kann es natürlich auch weit weniger pathetisch ausdrücken: Tennis ist einfach geil. Ich merkte wieder einmal, welch eine Begeisterung so ein vermeintlich schönes Tennis-Match auslösen kann. Wegen der zahlreichen Facetten, die diesen Sport so reizvoll machen - von Athletik über Taktik bis zur Kondition. Doch die einzelnen Komponenten beschreiben die Faszination des Tennis‘ eben doch nur unzureichend: Im Kern ist Tennis nicht mehr und nicht weniger als ein dramatisches Schauspiel, dessen Wendungen sich auch mit großer Erfahrung nie vorhersagen lassen.

So schön und so unwiderstehlich die zwei Wimbledon-Wochen aber auch waren, so klar ist doch jetzt, dass die Tennis-Begeisterung bald wieder nachlassen wird. Auch ich werde den weißen Sport wohl wieder (ein wenig) aus dem Fokus verlieren und mich dem sportlichen Kerngeschäft zuwenden: Fußball. Trotz Wimbledon, Olympia und Leichtathletik-WM, nichts scheint die Vorherrschaft des Fußballs (in Deutschland) gefährden zu können. Fußball ist die Nummer eins - und danach kommt erst einmal lange nichts.

Für einen eingefleischten Fußball-Nerd wie mich mag es heuchlerisch wirken, diesen Status quo zu bedauern. Schließlich gehöre ich ja auch zu der Schar der Fans, die dem Fußball treu und gehorsam ergeben sind. Und doch darf die allgemeine Fußball-Dominanz nicht dazu führen, dass wir andere Sportarten vernachlässigen oder sie gar vergessen. Ob es nun Tennis, Formel 1 oder Handball ist: Der Sport im Ganzen mit all‘ seinen verschiedenen Varianten verdient Beachtung und Respekt.

Vielleicht schaffen wir alle es ja irgendwann, diese frommen Worte auch einmal in die Tat umzusetzen. Denn bei aller Leidenschaft und Faszination, die vom Fußball ausgehen: Fußball ist nicht alles im Leben - und im Sport auch nicht.