Rote Karte für Rassismus

26. August 2013

Wir haben uns ja irgendwie schon daran gewöhnt: Mit der Stadionkultur ist es hierzulande nicht allzu weit her - jedenfalls in verbaler Hinsicht. Da wird gerne gestänkert, geschimpft und beleidigt, was das Zeug hält, ohne dass daran wirklich jemand Anstoß nähme. Schließlich sind Fußballstadion ja so etwas wie der Schmelztiegel der Emotionen, ein Katalysator der angestauten Frustrationen, der es jedem erlaubt, seine geliebten Verbalinjurien im Schutz der Anonymität von sich zu geben.

Ich selbst kann damit herzlich wenig anfangen. Gegnerische Spieler fortwährend als „Hurensöhne” zu verunglimpfen, ist für mich weder Ausdruck gelebter Leidenschaft noch emotionaler Kultur, sondern schlicht dumm und niveaulos. Doch inzwischen scheint es fast so, als gehöre eben jene Vokabel zum Standardrepertoire der Stadionhetze, die es zu dulden und akzeptieren gelte.

Sollte dem tatsächlich so sein, widersetze ich mich hiermit dem allgemeinen Duldungspakt und hoffe, dass die Unkultur in den Fußball-Arenen nicht weiter Früchte trägt. Dies gilt in besonderem Maße auch für die regelmäßig wahrzunehmenden rassistischen Rufe, die von den Tribünen durch die Stadien der Republik hallen. Immer wieder werden gerade Spieler mit dunkler Hautfarbe von Zuschauern verhöhnt, beleidigt und gedemütigt.

Ingolstadts Abwehrspieler Danny da Costa hat dies vor wenigen Tagen beim Auswärtsspiel in München aufs Bitterste erfahren müssen, als er von gegnerischen Fans mit übelsten rassistischen Rufen bedacht wurde, die weder in Fußballstadien noch sonst wo in diesem Land etwas zu suchen haben. Womöglich wäre der abermalige Eklat sogar untergegangen, hätte da Costas Mitspieler Ralph Gunesch in einem leidenschaftlichen Facebook-Post nicht auf diesen Vorfall hingewiesen.

Gunesch hat genau das Richtige getan. Über rassistische Angriffe, ganz gleich ob tätlicher oder verbaler Art, darf man nie den Mantel des Schweigens hüllen. Rassismus ist und bleibt ein absolutes No-Go, gegen das sich alle anständigen Bürger/Zuschauer immer wieder klar aussprechen sollten, um die Täter mit einhelliger Stimme auszugrenzen.

So wichtig und so gut Zivilcourage in solchen Fällen aber auch ist, so wichtig ist es eben auch, dass Rassismus eine konsequente juristische Ahnung erfährt. Im Fußball-Stadion, auf der Straße, im Büro oder wo auch immer: Rassismus ist und bleibt nicht hinnehmbar und gehört bestraft!

Es ist inzwischen ja schon eine Art Tradition: Auslosungen im DFB-Pokal werden von deutschen Nationalspielerinnen vorgenommen. Okoyino da Mbabi, Angerer oder notfalls als Allzweckwaffe die emeritierte Nia Künzer. Ob man den Fußball-Damen einfach etwas Aufmerksamkeit geben möchte oder glaubt, den tristen Fernsehstudios mit der weiblichen Präsenz Glamour verleihen zu können, bleibt fraglich. Vielleicht erhofft man sich von den femininen Fingern aber auch nur ein glücklicheres Händchen. Bei Lena Goeßling, der die Ehre der Zweitrunden-Auslosung vorbehalten war, erfüllte sich diese Hoffnung nicht. Wiedenbrück - Sandhausen, Saarbrücken - Paderborn, Wolfsburg - Aalen, FSV Frankfurt - FC Ingolstadt - die gewünschten Kracher erwiesen sich in den meisten Fällen als echte Rohrkrepierer.

Glücksfeen sind eben auch nicht mehr das, was sie einmal waren, mag man denken. Doch womöglich liegt der Fehler auch hier wie so oft im System. Seit Jahr und Tag lost man beim DFB munter drauf los, ohne große Prinzipien und Einschränkungen, sieht man einmal davon ab, dass die sogenannten Amateurteams im Duell gegen eine Profi-Mannschaft immer Heimrecht genießen. Warum selbiges Privileg Zweitligisten im Spiel gegen ein Bundesliga-Team verwehrt bleibt, ist dagegen nach wie vor rätselhaft. So könnte beispielsweise die weitestgehend charmefreie Partie zwischen Wolfsburg und Aalen durch solch eine Regelung zumindest einen Hauch Spannung und Stimmung erhalten, welche man sich vom dem ausgelosten Match in der VW-Arena wohl besser nicht versprechen sollte.

Dass es gleich zu mehreren Duellen diverser Underdogs kommt, während zeitgleich die Erstligisten die verbleibenden Teilnehmer am Achtelfinale unter sich ausmachen, ließe sich mit einer Setzliste ohne weiteres vermeiden. Doch dies, so hört man, sei mit dem Charakter des DFB-Pokal nicht vereinbar, der eben von der Skurrilität seiner Paarungen zu leben scheint, mögen diese auch oftmals nicht die große Unterhaltung bieten. Pokal ist eben old school und von daher chaotisch, bieder und zuweilen ungerecht.

Dass manch ein Team über Jahre hinweg nur auswärts antreten muss, wird dann eben so hingenommen. Weil es die Losfee, der Fußballgott oder das Schicksal so wollten. Kann man nichts dran machen. Kann man wohl - zumindest ein bisschen. Wie wäre es, man würde eine Regelung einführen, nach der das Heimrecht zweier einander zugeloster Mannschaften von Aufeinandertreffen zu Aufeinandertreffen wechselt. Klingt kompliziert, ist aber ganz einfach.

Nehmen wir das Beispiel der letztjährigen Achtelfinalbegegnung zwischen dem VfB Stuttgart und dem 1. FC Köln, welche zum Leidwesen der Domstädter im Schwabenland stattfand. Als Zweitligist hätte den Kölnern dabei das moralische Heimrecht zugestanden. Bedenkt man zudem, dass das letztmalige Pokalduell der beiden Vereine (im November 1999) auch in Stuttgart stattgefunden hatte, wäre es doch nach dem menschlichen Gerechtigkeitsgefühl angemessen gewesen, die Partie nunmehr in Köln auszutragen. So wie sich gute Freunde wechselseitig zueinander einladen, könnte das Heimrecht im Pokal zwischen zwei Teams doch auch alternierend zwischen den beiden Clubs hin- und herspringen.

Dass dies die Auslosung verkompliziere und weniger transparent mache, dürfte wohl kein glaubhafter Einwand sein, jedenfalls nicht nach dem, was der Fußballfan regelmäßig bei den Auslosungen der Champions League erlebt. Dank moderner Computertechnik, die inzwischen wohl auch beim DFB angekommen sein soll, würde eine solche Modifikation auch zu keinen spürbaren Verzögerungen führen. Zu größerer Gerechtigkeit hingegen schon. Doch vielleicht wäre das mal wieder zu viel der Revolution…

Meine Sorge um Werder

12. August 2013

Überschwängliche Freude löste der erste Titel, den ich als Bayern-Fan miterleben durfte, nicht aus. Die Meisterschaft 1987 war kein nervenaufreibendes Herzschlagfinale, eher eine sachliche Angelegenheit, die abgesehen von der emotionalen Verabschiedung Udo Latteks keine erinnerungswürdigen Feierlichkeiten nach sich zog. So ruhten meine Hoffnungen auf der Saison 1987/88, der ersten Saison, die ich von Beginn an als Anhänger der Bayern verfolgen würde. Sie sollte mir meinen ersten „richtigen” Meistertitel bescheren.

Doch es kam anders. Die Rehhagel-Truppe aus Bremen holte sich - vollkommen verdient - die Meisterschaft und ließ meine kindlichen Jubelträume wie eine Seifenblase zerplatzen. Vielleicht lag es an dieser Saison, vielleicht war es auch schlicht die Person Willi Lemke, die eine tiefe Abneigung gegenüber den Hanseaten bei mir hinterließen. Doch wenn es für einen neunjährigen Knirps so etwas wie einen Hassverein geben kann, dann war das in meinem Falle eindeutig Werder Bremen (aber nur mit leichtem Vorsprung vor dem 1. FC Kaiserslautern).

Der alternative Habitus, die bewusste Auflehnung gegen den Rivalen aus München und eben schlicht die sportliche Konkurrenz schürten ein schweres Unbehagen in mir. Ich mochte Werder Bremen nicht und hatte entsprechend lange daran zu knabbern, dass die Grünweißen uns 1993 am letzten Spieltag noch die Meisterschale vor den Augen wegschnappten. Umso befriedigter nahm ich die Krise in der Post-Rehhagel-Ära zur Kenntnis, als Aad de Mos, Dixie Dörner und Wolfgang Sidka mit Trares, Wicky & Co. durch die Liga dilettierten. Werder und ich - das war lange Zeit eine Geschichte voller Antipathie und Aggressionen.

Doch heute ist davon kaum mehr etwas geblieben. Mit der Inthronisation von Schaaf und Allofs wuchsen meine Sympathien für die Bremer, die ehrliche, gesunde und geradezu erfrischend sachliche Arbeit ohne unnötige Inszenierungen ablieferten.  Der Verzicht auf kurzfristiges Erfolgsdenken zugunsten einer auf Kontinuität angelegten Personalplanung imponierte mir. Zumal es eben kein reiner Selbstzweck war, sondern die Grundlage bildete für den Pokalsieg 2009 oder die Meisterschaft 2004, die mich deutlich weniger schmerzte als die Bremer Meistertitel zuvor. In Bremen arbeitete man seriös und professionell. Dem regelmäßig zu vernehmenden Wunsch nach größeren Veränderungen erteilte man gleichzeitig in aller Gelassenheit eine Absage.

So gewann Werder Bremen nicht nur meine persönliche Anerkennung, sondern wurde zur vorbildlichen Ausnahme in einem von Schnelllebigkeit und Ungeduld geprägten Geschäft. Doch heute, im Jahre 2013, ist von der Vorbildwirkung wenig geblieben. Klaus Allofs und Thomas Schaaf haben den Verein verlassen, der sich jetzt ganz neuen Herausforderungen ausgesetzt sieht. Nach den Eindrücken der vergangenen Spielzeit und der Vorbereitung auf die neue Saison stimmt der Blick in die Bremer Zukunft skeptisch. Dass es Robin Dutt nach den Misserfolgen der Vergangenheit gelingen wird, das Ruder an der Weser herumzureißen, erscheint fraglicher denn je.

Ob er selbst in das hanseatische Umfeld passt, mag man als Außenstehender nicht beurteilen können. Aber die Mannschaft, die er betreut, verfügt bei weitem nicht mehr über die Klasse, die Bremer Mannschaften in den vergangenen 20 Jahren vorzuweisen hatten. Dies liegt keineswegs allein an den neuen Verantwortlichen bei Werder. Den sportlichen Abwärtstrend haben Schaaf und Allofs mit den personellen Fehlgriffen der letzten Jahre bereitet. Wirkliche Klassespieler sucht man im Werder-Kader vergebens, von echten Führungsspielern ganz zu schweigen.

So überrascht es denn auch, dass Eichin, Dutt & Co. davon abgesehen haben, die Mannschaft mit dem einen oder anderen arrivierten Akteur zu verstärken. Mehr als Durchschnitt lässt sich bei keinem der vier Mannschaftsteile konstatieren. Man darf sich also mit Fug und Recht um Werder Sorgen machen. Daran ändert auch der schmeichelhafte Auftaktsieg in Braunschweig nichts. Werder Bremen ist bei weitem nicht mehr das, was es einmal war. Und mir tut es leid…