Der Tod der Liberalen

30. September 2013

Ich gebe es zu: Auch ich konnte mir die Häme nicht verkneifen und ließ mich zu dem einen oder anderen spöttischen Kommentar hinreißen. Für das desaströse Abschneiden der FDP bei der Bundestagswahl hatte ich kein Bedauern übrig. Ihr Ausscheiden aus dem Bundestag löste bei mir nur Genugtuung und Zufriedenheit aus.

Dabei ist meine Abneigung gegenüber der FDP keineswegs selbstverständlich. Ich erinnere mich an Zeiten (kurz nach dem Abitur), da ich mir durchaus vorstellen konnte sie zu wählen. Liberalität schien mir ein guter politischer Ansatz, der Kampf für individuelle Freiheit gegen staatliche Bevormundung absolut unterstützenswert. Guido Westerwelle hielt ich für einen erfrischend unkonventionellen Politiker, der sich wohltuend von dem Berliner Polit-Establishment abhob. Allein ihre klettenhafte Bindung an die Union störte mich und hielt mich davon ab, bei meiner ersten Bundestagswahl Gelb zu wählen. Und doch: Meine Sympathien für die FDP wollte und konnte ich nicht leugnen.

Von dieser Zuneigung ist heute rein gar nichts mehr geblieben. Brüderle, Rösler & Co. sind mir – nicht nur wegen ihres selbstgefälligen Gebarens – ein Dorn im Auge. Ihre Hybris, sich in Leugnung der Realitäten als unverzichtbarer Heilsbringer für das wirtschaftliche Wohlergehen aufzuspielen, hat mich, so absurd und unfreiwillig komisch es auch wirkte, zuletzt nur noch genervt.

Doch meine Schadenfreude über das Scheitern der FDP ist nicht allein mit ihrem skurrilen und überheblichen Auftreten zu erklären. Schon eher liegt es an ihrem schwarzgelben Treueschwur, einem einer Demokratie unwürdigen Bekenntnis zur Monogamie, das jegliche Koalitionen außer der mit der Union von vorneherein kategorisch ausschloss. Ein liberale Partei, also eine der Freiheit verpflichtete Gemeinschaft, versagte sich selbst die Freiheit, politische Bündnisse ungezwungen und nach Lage des Wahlergebnisses einzugehen. Ausgerechnet die, die der Gesellschaft Liberalität verordnen wollten, agierten sämtlich gänzlich unliberal. Welch‘ grotesker Widerspruch.

Doch die Wahrheit ist, dass die FDP schon lange keine liberale Partei mehr darstellt. In ihrer monothematischen Fixierung auf die Umsetzung der von ihr als solchen empfundenen Steuergerechtigkeit vergaß sie all das, was eine liberale Partei im Kern ausmacht. Der Schutz der persönlichen Freiheitssphäre, der Kampf gegen den schnüffelnden Obrigkeitsstaat, die praktische Umsetzung von Selbstverantwortung – all das kam bei der FDP zuletzt gar nicht mehr vor.

Stattdessen gefiel man sich in der Rolle der bloßen Wirtschaftspartei, die Klientel- und Lobbypolitik betreibend glaubte, ihre Nische gefunden zu haben. Der freiheitlich denkende Bürger wurde im eigenen Selbstverständnis durch den gewinnorientierten Unternehmer ersetzt.

Wie ein Sturkopf mit Amnesie hat die FDP vergessen, wer sie ist und wo sie herkommt. Wohl gemeinten Ratschlägen verweigerte sie machttrunken die Aufmerksamkeit und gefiel sich in ihrer Rolle als Ritter der Mittelstandsförderung, der sich selbst mit seinem einzigen Ziel genug war. Jetzt hat sie endlich die längst überfällige Quittung für ihren dümmlichen Eigenwahn erhalten und wird sich neu besinnen und wohl auch erfinden müssen.

Ihr Abschied aus dem Bundestag ist ein harter Schlag, aber womöglich auch eine Chance, um sich grundlegend zu reformieren. Die FDP wird sich mit ihren eigenen Wurzeln befassen und fragen müssen, ob sie wieder eine liberale Partei werden kann.

Vielleicht gelingt ihr nun endlich die Selbsterneuerung. Und vielleicht erkennt sie, worin ihre wahre Bestimmung liegt. Wer weiß, vielleicht erwäge ich eines Tages wieder so wie damals, die FDP zu wählen. Im Moment kann ich es mir irgendwie nicht vorstellen…

Bedauern mit Methode

23. September 2013

Er hat es wieder getan. Jürgen Klopp sind erneut die Gäule durchgegangen. Im  CL-Spiel in Neapel machte seiner einer Wut in gewohnt eindeutiger Mimik Luft: Mit gefletschten Zähnen positionierte er sich vor dem Vierten Offiziellen, um diesem in unmissverständlichem Gestus zu signalisieren, was er von der Arbeit des Schiedsrichtergespanns hielt. Dass man Subotic viel zu spät auf den Platz zurückgelassen und so das Gegentor ermöglicht habe, wollte Klopp nicht auf sich sitzen lassen und meldete zornigen Protest an.

Über den Grund der Empörung mag man streiten, über die Art ihrer Kundgabe nicht: Klopps Agitation ging abermals über das Maß des Erträglichen hinaus. Dies sah auch der BVB-Coach selbst ein.

So dauerte es lange nicht, bis Klopp – mit den Bildern seines Ausrasters konfrontiert – schamerfüllt sein Bedauern äußerte. Gegenüber den Schiedsrichtern, der Öffentlichkeit und vor allem der eigenen Mannschaft, die er mit seinem überzogenen Verhalten in eine falsche Richtung gelenkt habe. Das sei natürlich nicht in Ordnung, räumte Klopp kleinlaut ein und schlüpfte damit zum wiederholten Male in die Rolle des reuigen Sünders.

Es mag wohltuend wirken, sich in unserer Zeit selbstkritisch zu seinen eigenen Fehlern zu bekennen und ohne Umschweife das eigene Versagen einzugestehen. Doch im Falle des BVB-Trainers wird man inzwischen den Eindruck nicht los, als sei seine nachdenkliche Selbstkritik ein bloßes Bekenntnis mit Methode. Eine Masche, die einem verloren gegangene Sympathie zurückbringen oder sie bestenfalls noch mehren solle. Frei nach dem Motto: Fehler machen darf man, wenn man sich nur zu ihnen bekennt.

So richtig diese Regel auch sein mag, so falsch ist sie doch, wenn sie als Legitimation für das Begehen der immer gleichen Fehler dient. Wie oft hat Klopp nun schon öffentlich seine emotionalen Aussetzer bereut und Besserung gelobt, ohne dass sich spürbar etwas geändert hätte? Es scheint, als sei der Dortmunder Trainer zwar zur Selbsteinsicht fähig, zur Besserung aber nicht.

Die Empörung über den Wiederholungstäter Klopp hält sich dabei zumeist in Grenzen oder verhallt unter dem Verweis auf den im Fußballgeschäft vorherrschenden Druck, dessen man sich eben dann und wann mit einer emotionalen Reaktion entledigen müsse. Leidenschaft und Sport – das gehöre eben zwingend zusammen. Richtig daran ist: Man wird keine Emotion einfordern können, ohne im Einzelfall auch einmal eine Überreaktion tolerieren zu müssen.

Und doch sind Klopps Eruptionen mehr als Abbau angestauten Druck. Die Aggressivität, die sich in seinen wilden Tiraden an der Seitenlinie ausdrückt, hat trotz ihrer Skurrilität mitunter beängstigende Züge. Als beispielsgebendes Vorbild diskreditieren sie Klopp auf ganzer Linie.

Man mag den BVB-Coach mögen oder auch nicht. Sich an seinen erfrischenden Analysen erfreuen oder sein selbstgefälligen Habitus ablehnen. Dies ist wie so oft im Leben Geschmackssache. Und dennoch ist Klopp in seinem unkonventionellem Auftreten eine absolute Bereicherung für den deutschen Fußball, auf die man hierzulande nicht mehr verzichten kann und will. Klopp ist eine Persönlichkeit, eine echte Type, die der zuweilen etwas grauen Bundesliga Farbe verliehen hat.

Und dennoch entbindet die Ausnahmestellung den Borussen-Trainer nicht von seinen Pflichten als Vorbild. Schließlich wird das, was für Woche auf den Plätzen der Bundesliga und der Champions League vorgelebt wird, nur allzu gern und mit großer Wonne auf den Spielfeldern der Kreisliga imitatorisch nachgelebt. Mit der Folge, dass die ohnehin schon gefährdeten Schiedsrichter von immer  mehr  Mini-Klopps attackiert werden.

Aber so schlimm ist das alles schließlich nicht. Wenn man denn nur Besserung gelobt…

Der Zweifel bleibt

16. September 2013

Es überrascht schon ein wenig: Die deutsche Fußballnationalmannschaft wird trotz der Neigung des Boulevards zu drolligen Wortspielen noch immer nicht als die Löwen bezeichnet. Über sieben Jahre hält Joachim „Jogi” Löw nun schon das Bundestrainer-Zepter in seinen Händen und ist als nationale Ikone längst mit der Mannschaft zu einer Funktionseinheit verschmolzen.

Nationalmannschaft ohne Löw, das kann man sich inzwischen kaum mehr vorstellen. Dachte man sich wohl auch beim DFB und verlängerte den Kontrakt mit dem Auswahl-Boss kurzerhand um zwei weitere Jahre bis 2016. Ganz gleich, wie das Abenteuer Brasilien-WM im nächsten Jahr auch ausgehen mag: Löw bleibt. Der Fußballverband setzt damit ein klares Zeichen für Kontinuität.

Nach eben dieser Kontinuität hat sich der deutsche Fußball in der Post-Vogts-Ära lange gesehnt. Ribbeck, Völler, Klinsmann - sie alle drückten der Nationalmannschaft über kurze Zeit mehr oder weniger deutlich ihren Stempel auf, um den Job dem allgemeinen Druck oder der eigenen Lustlosigkeit zuliebe alsbald wieder aufzugeben. Unter Joachim Löw ist dies anders: Er ist bereits sieben Jahre in Amt und Würden und wird nach der jüngsten Entscheidung die Dekade wohl auch voll machen.

Das ist für sich genommen eine erfreuliche Entwicklung, stand das ewige Hin und Her einer konzeptionellen Entwicklung offenkundig im Wege. Auch sportlich ist die Entscheidung pro Löw auf den ersten Blick absolut begrüßenswert. Die Leistungen der letzten Jahre, die Art und Weise des Fußball, der spielerische und taktische Fortschritt sprechen eine deutliche Sprache: Löw ist der richtige Mann.

Und doch bleiben Zweifel. Zweifel aus nunmehr 17 Jahren Titellosigkeit. So gut und begeisternd die Nationalmannschaft in den letzten Jahren auch agierte, so sehr scheiterte sie eben doch, wenn es drauf ankam. Das vergeigte Halbfinale gegen Italien bei der EM 2012, die ernüchternde Niederlage gegen Spanien 2010 - es scheint, als fehle der deutschen Mannschaft das Sieger-Gen. Die alte Floskel von der Turniermannschaft wirkt in diesen Tagen denn auch eher wie eine ironische Provokation.

Liegt es also an Löw, dass wir zwar guten Fußball bieten, aber in den wichtigen Momenten immer wieder versagen? Ein klares Ja oder Nein verbietet sich jeweils aus der Außenperspektive. Allein der taktische Rohrkrepierer im EM-Halbfinale, die Mannschaft aus Rücksicht auf die Stärken des Gegners grundlegend umzuformieren, erweist sich als Indiz für eine gewisse Hemdsärmeligkeit des Bundestrainers. Fehlt ihm womöglich der Impetus eines José Mourinho, um seinen Spielern Mentalität und Selbstbewusstsein eines Champions einzuimpfen?

Die Zweifel liegen auf der Hand, lassen sich aber weder bestätigen noch widerlegen. Und so ist die Vertragsverlängerung wohl nicht mehr als ein positives Zeichen mit Beigeschmack. Die WM 2014 wird uns ein wenig schlauer machen.