Kollektivversagen

28. Oktober 2013

Schiedsrichter Dr. Felix Brych hatte so seine Zweifel. Stefan Kießling war sehr überrascht. Hoffenheims Spieler wollten es nicht glauben. Das Phantomtor von Sinsheim machte alle Beteiligten stutzig. Doch keiner vermochte den sich aufdrängenden Irrtum aufzuklären.

Dr. Markus Merk war schnell gesprächsbereit. Eilig war er nach Hause geeilt, um sich die unglaubliche Szene anzuschauen und sodann im SKY-Telefon-Interview seinem Kollegen die Absolution zu erteilen. Doch nicht nur Dr. Brych wollte Merk von jeder Schuld freisprechen, auch sonst gab sich der Ex-Schiedsrichter betont konziliant. Niemand könne man in einem solchen Fall einen Vorwurf machen.

Und in der Tat, dass der Ball am Pfosten vorbei über ein Loch im Außennetz ins Tor springt, erscheint dermaßen unwahrscheinlich und unwirklich, dass man hier kaum mit rationalen Erwägungen  argumentieren kann. Der absolute Ausnahmefall ist eingetreten und hat alle Anwesenden überfordert. Sowas gibt’s nun mal im Leben. Shit happens.

Doch kann man es sich wirklich so einfach machen: War das Szenario wirklich unvermeidlich? Natürlich hätte das Übel durch eine sorgfältige Netzkontrolle vor Wiederanpfiff abgewendet werden können. Doch der Kern des geäußerten Unbehagens zielt weder auf mangelnde Genauigkeit denn auf misslungenes Krisenmanagement aller Beteiligten ab: Hätte Stefan Kießling, der selbst glaubte, das Tor verfehlt zu haben, seine Bedenken dem Schiedsrichter nicht deutlicher gegenüber artikulieren müssen? Wäre Dr. Brych nicht gut beraten gewesen, dem diffusen Unbehagen nach- und den Dingen auf den Grund zu gehen? Hätte man von Hoffenheimer Seite nicht doch schneller und deutlicher protestieren müssen? Wäre hier nicht der Vierte Offizielle gefordert gewesen, um in Absprache mit Schiedsrichter, Spielern und Trainern den naheliegenden Verdacht zu überprüfen?

Gewiss, dies sind viele Konjunktive, vielleicht zu viele. Aber der GAU von Hoffenheim wäre zu verhindern gewesen: Durch eine bessere Kommunikation aller Mitwirkenden, über die die Sache zu klären gewesen wäre. Insofern liegt ein Fall von Kollektivversagen vor, wenngleich der Hauptvorwurf Schiedsrichter Brych trifft, der eben nicht nur Regelhüter, sondern Spiel-Manager ist. Als Manager hat er in dieser Situation versagt.

Bigotterie mal zwei

21. Oktober 2013

Die sich wiederholenden Flüchtlingsdramen vor Lampedusa und die Affäre um dem protzenden Bischof von Limburg - zwei Themen, die vermeintlich wenig oder gar nichts miteinander zu tun haben. Das Schauspiel, welches sich dieser Tage in der hessischen Provinz zugetragen hat, wirkt peinlich, skurril und albern und hat auf den ersten Blick nichts von der Tragik der im Mittelmeer verstorbenen Menschen, die nach Europa fliehen wollten, um dem Elend ihrer Heimat zu entkommen.

Und doch ist allemal bemerkenswert, welch emotionale Wirkungen die beiden scheinbar zusammenhanglosen Ereignisse in Deutschland auszulösen vermögen. In eben dieser aufrührerischen Kraft liegt denn auch ihre Gemeinsamkeit, geht es in beiden Fällen doch um ein urmenschliches Problem, welches sich in immer neuen Facetten offenbart: Die Scheinheiligkeit, wie wir sie so oder so ähnlich seit Jahrtausenden vom Menschen kennen.

Hier der Bischof, der Wasser predigt und Wein säuft. Ein der Mitmenschlichkeit und Bescheidenheit verpflichteter Würdenträger, der entgegen seinem Ethos im Luxus lebt und der Verschwendungssucht verfallen ist.

Dort die heuchlerische Trauer um unzählige überflüssige Tote, deren Schicksal uns nahe geht, denen wir aber in Europa keine Zukunft anbieten wollen, um sie eben doch am schnellsten wieder dahin zurückzuschicken, wo sie herkamen.

Die politischen Vertreter Europas sind ganz sicher kein Abbild des Limburger Bischofs. Gleichwohl bleibt das Kernproblem doch das gleiche. Sich an den eigenen Idealen und Worten messen zu lassen, fällt im Angesicht der Realität mitunter furchtbar schwer. Die Diskrepanz zwischen formuliertem Anspruch und gelebter Wirklichkeit ist zuweilen so groß, dass nichts bleibt außer bedrückter Scham.

Jener Peinlichkeit ließe sich am besten entkommen, indem man die eigenen Worte in Taten umsetzt. So hätte ein Tebartz-van Elst bei der Gestaltung seiner Gemächer schlicht auf jedwede Protzerei verzichten können. Und die EU könnte in Umsetzung ihrer Trauer um die Toten eine menschenwürdige und gerechte Flüchtlingspolitik betreiben. Doch beides ist womöglich zu viel verlangt.  Wenn es also mit den Taten nicht klappen will, so kann man doch als zarter Anfang bei der Wahl der Worte etwas vorsichtiger sein. Wer den eigenen Anspruch nicht zu hoch setzt, kann eben am Ende auch nicht zu so tief fallen…

Mehr Transparenz, Jogi!

14. Oktober 2013

Der Shitstorm ließ nicht lange auf sich warten. Kaum hatte Jogi Löw verkündet, in den Qualifikationsspielen – trotz arger Verletzungssorgen – weiter auf Kießling verzichten zu wollen, brach sich im Internet die gewohnte Empörungswelle Bahn. Von einer lächerlichen Entscheidung sprachen die einen. Löws sofortige Ablösung forderten die anderen. Dabei überrascht, dass ausgerechnet die Causa „Kießling“ für eine derartige Emotionalisierung unter den Fans sorgt.

Leverkusens Stürmer gehört nicht in die Sparte der Fußballakteure, die man gemeinhin als Gallionsfiguren oder Idole bezeichnet. Stefan Kießling ist ein Vertreter der leisen Profis, die gewissenhaft ihre Pflicht erfüllen, ohne dabei zu großen Selbstinszenierungen zu neigen. Wohl kaum ein Bundesligaspieler taugt weniger zum Märtyrer als Stefan Kießling. Gleichwohl wird ihm diese Rolle nolens volens derzeit zugeschrieben.

Dabei geht die allgemeine Entrüstung wohl vor auf einen empfundene Ungerechtigkeit zurück. Dass Kießling trotz seiner kontinuierlich starken Leistungen von Löw nicht berücksichtigt wird, wirkt unfair und ist daher kaum nachvollziehbar. Richtig daran ist, dass die Nicht-Nominierung des Bayer-Angreifers unter Zugrundelegung des Leistungsprinzips nicht verständlich erscheint. Wer in 279 Bundesliga-Spielen 111 Treffer erzielt und dazu noch in der Vorsaison den Torjägertitel abräumt, muss eigentlich einen Platz in der Auswahlmannschaft finden. Dies gilt bei Kießling umso mehr, als er sich eben nicht alleine über seine Torbilanz definiert, sondern insbesondere durch sein mannschaftsdienliches, kampfgeprägtes Spiel mit großer Laufbereitschaft.

Andererseits wird man Löw zubilligen müssen, seine Kaderzusammenstellung nicht allein unter Leistungsgesichtspunkten zu treffen. Was zynisch klingt, hat in der Sache durchaus seine Berechtigung. Was nützen die elf besten Spieler in einer Mannschaft, wenn sie miteinander eben nicht harmonieren. So mag es durchaus sein, dass Kießling schlicht und einfach nicht in das Konzept des Bundestrainers passt. Und doch bleibt die Frage, weshalb Kießlings Spiel nicht mit dem Löw’schen Stil zu vereinbaren sein soll. Schließlich ist der Typus Kießling nicht gar so verschieden von einem Miroslav Klose, der seit langer Zeit zum Stamm der Nationalmannschaft gehört.

Vielleicht will Löw aber auch einfach keinen zweiten Klose, dem er durch sporadische Nominierungen nur falsche Hoffnungen machen würde. Vielleicht liegen die Gründe aber auch ganz anders. Löw ist es jedenfalls bislang nicht gelungen, seine wahre Motivation transparent und nachvollziehbar zu machen. Und auch wenn es ganz sicher nicht Teil seines Vertrages mit dem DFB sein dürfte, wäre Joachim Löw doch gut beraten, seine Entscheidungen und Ideen den Fans hier und da nahezubringen. Das ist weder seine juristische noch seine moralische Pflicht, aber eben doch in seinem ureigensten Interesse. Denn wer den Argwohn und die Skepsis der Fußballfans in seinem Rücken spüren muss, wird sich eben nicht mehr allzu lange als Bundestrainer in Deutschland halten können. In diesem Sinne: Jogi, erklär’s uns doch einfach…