Schauriges Theater

25. November 2013

Das politische Kabarett ist ratlos: Der parlamentarische Tod der FDP hat den Satirikern und Zynikern die letzte große Projektionsfläche genommen. Willfährige Opfer scheint es in der Bundespolitik nicht mehr zu geben – von der singenden Nahles und dem dilettierenden Pofalla einmal abgesehen. So heißt es, sich in das Unabänderliche zu fügen und die mitunter grotesken Selbstinszensierungen der Großen Koalition durch den Kakao zu ziehen, mögen diese genau genommen ja schon Satire für sich sein.

Es gilt, das dumpfe Unbehagen im Volk aufzugreifen und in pointiertes Kopfschütteln zu überführen. Verdächtig, ja verlogen erscheint da die große Konsenssoße, die sich dieser Tage auftut und in der sich einst spinnefeinde Politagitatoren plötzlich ungewohnt konziliant und freundschaftlich geben. Dobrindt und Kraft, Merkel und Gabriel – alle haben sie sich schlagartig furchtbar lieb und gehen – mit den Armen eingehakt – fröhlich-pfeifend in die gemeinsame politische Zukunft. Hach ja, muss Freundschaft schön sein.

Die zur Schau gestellte Einigkeit wirkt unglaubwürdig und vorgetäuscht. Doch womöglich ist sie dies gar nicht. Wirklich inszeniert waren wohl eher die politischen Grabenkämpfe der Vergangenheit, in der man sich gegenseitig schon einmal mehr oder weniger deutlich zum Vollidioten erklärt hat. Doch jetzt, da man zum Zusammenarbeiten gezwungen ist, kann man das schaurige Theater nicht mehr aufrecht halten. Und genau deshalb zielt der Vorwurf, den man den Damen und Herren von Union und SPD machen muss, nicht auf ihr kameradschaftliches Auftreten dieser Tage.

Nein, Merkel, Garbriel, Seehofer & Co. müssen sich die Kritik gefallen lassen, schon weit vor dem allgemeinen Wahlkampf-Getöse auf leicht durchschaubare und damit eher peinliche Inszenierungen gesetzt zu haben, die man im Falle einer Großen Koalition aufzugeben hatte. Solch ein Theater bringt letztlich niemandem etwas, sondern schadet – im Gegenteil – den Beteiligten und – viel schlimmer noch – der Glaubwürdigkeit der Politik insgesamt. In diesem Sinne: Vielen Dank auch!

Die Aktion Libero feiert ihren zweiten Geburtstag. Am 16. November 2011 ging die Initiative der Sportblogger an die Öffentlichkeit und sprach sich klar gegen Homophobie im Fußball und in der Gesellschaft insgesamt und für Toleranz und Respekt aus.

Das Signal war eindeutig und darf nicht verhallen. Deshalb ist es wichtig, immer wieder klar Stellung zu beziehen und ein Zeichen zu setzen. In diesem Sinne:

Ich spreche mich aus gegen jede Form von Homophobie und die Diskriminierung von Menschen wegen ihrer Abstammung, Religion, Herkunft, Abstammung oder geschlechtlicher Orientierung – im Fußball wie in unserem Leben insgesamt.

Diffus wie eh und je

11. November 2013

„Ein bisschen mehr Menschlichkeit” wünschte der damalige Präsident Theo Zwanziger dem deutschen Fußball an jenem tristen November-Sonntag im Jahr 2009. Seitdem sind vier Jahre ins Land gegangen. Vier Jahre, in denen der Name „Robert Enke”, anlässlich dessen Trauerfeier Zwanziger die wohl gemeinten Worte sprach, zum Synonym für die Unbarmherzigkeit des Fußballgeschäfts wurde.

Wann immer sich die Abgründe des - vermeintlich - unmenschlichen Profi-Business‘ auftun, wird der Name des verstorbenen Fußballtorhüters reflexartig ins Spiel gebracht, ein allgegenwärtiges Menetekel, das uns auf die bitteren Konsequenzen sorglosen Umgangs mit Fußball-Profis hinweisen soll. Der Suizid des Nationaltorhüters hat das kollektive Bewusstsein für die Sensibilitäten der scheinbar so unerschütterlichen Sportler geschärft.

„Denkt an Enke” - so oder so ähnlich klingt es in den mit erhobenem Zeigefinger geäußerten Bedenken über die Entwicklung des Fußballgeschäfts an. Und ja, wir alle denken irgendwie immer wieder an das traurige Schicksal Robert Enkes, das nach dem Willen des ehemaligen DFB-Präsidenten als aufrührendes Mahnmal gegen Gleichgültigkeit und Stigmatisierung im Fußball wie in der Gesellschaft insgesamt dienen möge.

Es sollte alles irgendwie ein bisschen menschlicher werden. Wie genau diese neue Menschlichkeit aussehen sollte, ließ Zwanzigers seinerzeit offen. Entsprechend schwierig dürfte es sein, seine ambitionierte Losung auf ihre Umsetzung hin zu überprüfen. Doch immerhin: Bei Bekanntwerden psychischer Erkrankungen scheint es, dies zeigen die Fälle Markus Miller und Ralf Rangnick, im Profi-Fußball inzwischen eine gewisse Sensibilität zu geben. Man zeigt Verständnis und verzichtet auf abwegige Vorverurteilungen. Doch ob dies wirklich einer größeren Menschlichkeit geschuldet ist oder nicht doch der Angst vor einer Wiederholung des Falles Enke, ist unklar.

Auch nach vier Jahren bleibt die Frage, wie denn eine humanere Gesellschaft - auch und gerade im Sportbereich - aussehen soll. Was genau müsste sich ändern, damit wir alle uns ein wenig entspannter zurücklehnen können? Ist der Fußball menschlich genug, wenn homosexuelle Profis endlich zu ihrer Neigung stehen können, ohne dauernde Diffamierungen fürchten zu müssen? Muss der Hire-&-Fire-Habitus ein Ende finden, um uns das Gefühl eines menschenwürdigeren Geschäfts zu geben? Darf es keine Schmähgesänge in den Stadien mehr geben, wenn man Zwanzigers Ansinnen vollumfänglich gerecht werden will?

Die Forderung nach mehr Menschlichkeit bleibt auch im November 2013 so diffus wie eh und je. Dies darf jedoch nicht heißen, sich solchen Bestrebungen zu verschließen und sie als Hirngespenst abzutun. Im Gegenteil, auch im vermeintlich so kühlen Business der Profi-Fußballer darf und muss (mehr) Menschlichkeit Einzug halten. Doch ohne konkrete Ansätze wird sich eben nicht viel tun. Vielleicht liegen die Dinge aber auch sehr viel einfacher, als wir glauben. Menschlichkeit ist schließlich keine abstrakte Schimäre, sondern beginnt ganz einfach beim Nächsten. Auch ohne christliche Vorprägung sollte es ein Selbstverständliches sein, sich für die Gedanken und Sorgen seiner Mitmenschen zu interessieren. Dies gilt ausnahmslos in jedem Lebensbereich - und damit sogar auch im Fußball.

Sich hier und da ein paar Gedanken mehr zu machen und den Mut haben, hinter die Fassade zu blicken und sich die Frage zu stellen, ob hinter dem täglichen Lächeln nicht auch Schmerz, Angst und Sorge stecken, ist im Grunde schon fast alles, was Menschlichkeit verlangt.