Guten Rutsch

30. Dezember 2013

Der Kommentar der Woche wünscht allen Lesern einen guten Rutsch in ein gesundes, erfolgreiches und glückliches neues Jahr 2014!

Auch im neuen Jahr wird es an dieser Stelle wieder aktuelle Kommentare zu den Themen aus Gesellschaft, Politik, Sport und Kultur gehen! Also bleibt dem KDW gewogen!

Fishing for compliments

23. Dezember 2013

Hannelore Hoger hatte sich ein wenig ins Abseits getalkt. Der Vortrag der beliebten Schauspielerin über die Ideale einer Mehrgenerationenfamilie sorgte in der NDR-Talkshow mehr für Befremden denn für beifälliges Nicken. Auch Gast Frank Plasberg konnte mit Hogers Ausführungen wenig anfangen und meldete eilig Protest an. Er habe das alles ganz anders erlebt und könne das von ihr propagierte Modell nicht teilen.

Soweit, so unspektakulär. Irritierende Aussagen sind in deutschen Talksendungen bekanntlich der Regelfall. Die Taktik, mit der Hannelore Hoger in der Folge zurückzurudern versuchte, hatte dann jedoch etwas Perfides. Nachdem sie den Absolutheitsanspruch ihres Familienbildes zu einer persönlichen Präferenz heruntergekürzt hatte, wechselte sie nonchalant zum Thema Pflegenotstand. Sicher ist sicher, gibt es doch kein Statement, mit dem man einhelligeren Applaus ernten kann als mit einem eindeutigen Bekenntnis zu der aufopferungsvollen Arbeit der Pflegekräfte. Diese, so Hoger, leisteten großartige Arbeit und würden dafür nicht ansatzweise angemessen bezahlt. Allgemeine Zustimmung, lang anhaltender Beifall, Familiendebatte erledigt.

Sich für das Pflegepersonal einzusetzen und ihre Unterbezahlung zu rügen, gehört hierzulande längst zum guten Ton und schafft Konsens. Dies hat nicht nur Hannelore Hoger erkannt. Niemand würde ernsthaft behaupten, dass Krankenschwestern und –pfleger das Salär erhielten, das ihnen aufgrund ihrer aufopferungsvollen und gesellschaftlich unverzichtbaren Tätigkeit zustünde. Jeder weiß, dass Arbeitnehmer im Pflegebereich nicht angemessen vergütet werden.

Es wirkt insofern billig und geradezu populistisch, dieses Thema für die eigene Anerkennung und Zustimmung nutzbar machen zu wollen. Wer das Wort für Pflegekräfte erhebt, tut inzwischen nur scheinbar etwas Gutes. Tatsächlich handelt es sich bei solchen Anklagen doch wohl vor allem um eine hinterhältige Form eines Fishing for compliments.

Viel schlimmer als das selbstgefällige Ausschlachten eines Missstandes ist aber letztlich die Erkenntnis, dass sich trotz des breiten gesellschaftlichen Konsenses in der Sache nichts tut. Denn obwohl wir uns alle doch einig sind, dass Pflegekräfte mehr Geld verdienen sollten, bleiben diese so schlecht bezahlt wie eh und je. Für eine Demokratie, in der laut Definition das Volk die Herrschaft ausübt, eine Schande. Warum besitzt eine Gesellschaft, in der sich nahezu alle Menschen über eine Fehlentwicklung im Klaren sind, nicht die Kraft, dieses Problem anzugehen?

Die Antwort ist genauso einfach wie ernüchternd: Allein die Erkenntnis genügt eben nicht. Es bedarf zudem der Bereitschaft, dem Missstand – auch unter Erbringung von Opfern – entgegenzutreten. Und wenn es an den eigenen Geldbeutel geht, ist der Wille, die eigene Einsicht in Taten umzu“münzen“ eben doch nicht sehr stark ausgeprägt. Aber das ist womöglich keine wirklich neue Erkenntnis.

Danke Marietta!

16. Dezember 2013

Die Vorweihnachtszeit ist bekanntlich die Phase der Harmonie. Da hat man sich lieb, da tauscht man Nettigkeiten aus, da wird der ganze Dreck des Jahres einfach mal schön unter den Teppich gekehrt. Im Dezember ist kein Platz für Zwist und Provokation, im Dezember ist alles rosarot.

Wahrscheinlich hat Marietta Slomka ihren Frontalangriff auf den SPD-Vorsitzenden deshalb auch noch im November gestartet. Ein paar Tage später hätte sich das (Fernseh-)Volk womöglich angeekelt abgewendet. Es war die letzte Chance auf eine gezielte Attacke – die ZDF-Moderatorin hat sie wahrgenommen und eine Menge Kritik geerntet.

Gewiss, Slomkas Vortrag war kalkuliert, selbstverliebt und in der Sache überzogen. Und doch war es einer der seltenen Lichtblicke in einer zusehends auf Konformismus gepolten (Medien-)Gesellschaft, die den offen ausgetragenen Dissens mehr und mehr scheut. Marietta Slomka hat ein Zeichen gesetzt.

In der Sache mag sie daneben gelegen haben. Ihre verfassungsrechtlichen Bedenken gingen an den wahren Problemen vorbei. Doch allein die Tatsache, Gabriels Dünnhäutigkeit und damit auch die Kritikresistenz der Großen Koalition insgesamt entlarvt zu haben, darf sie als Verdienst für sich verbuchen.

Was bleibt, ist die leise Hoffnung, dass möglichst viele Journalisten dem Beispiel Slomkas folgen und die Große Koalition immer wieder hartnäckig auf den Zahn fühlen werden. Anders dürften die kommenden vier Jahre kaum erträglich sein.