Alle Jahre wieder im Januar das gleiche Spielchen. Allgemeine Empörung, Entsetzen, Abscheu. Dschungelcamp, das Enfant terrible unter den deutschen TV-Shows polarisiert und ruft die Hüter von Moral und Niveau auf den Plan.

Längst gilt „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ als Paradebeispiel für den Untergang der deutschen Fernsehkultur. Zu Unrecht, ist die RTL-Doku-Show doch weit interessanter als ihr Ruf und besser als viele Formate, die gerade die Privatsender tagein tagaus über den Äther schicken. Man mag über den Unterhaltungswert einer Wiederbelebungsstätte für ausrangierte (Schein-)Promis streiten. Ob’s einem gefällt, ist eben – wie sonst auch im Leben – reine Geschmackssache. Die Sendung als auf Voyeurismus ausgerichtete Ekelshow abzutun, würde ihr jedoch nicht gerecht.

Im Kern ist IBES nichts andere als eine professionell durchchoreografierte Mediensatire, die das selbstgefällige Showbiz gleichsam genüsslich wie gekonnt aufs Korn nimmt. Dass die Teilnehmer in aller Regel nicht einmal den Status von C-Promis besitzen, schadet dabei wenig. Allein die Existenz des Showformats dient als Menetekel für all die, die sich ihres Ruhmes zu sicher sind: Irgendwann geht’s mit deiner Karriere bergab und du landest im Dschungel. Als Auffangbecken für die Gescheiterten und Hoffnungslosen erdet das Dschungelcamp eine von Narzissmus und Größenwahn  geprägte Szene.

Das Geheimnis des Erfolges sind denn auch weniger die mehr oder minder prominenten Camp-Bewohner und auch nicht die auf Schadenfreude und Schockeffekte ausgelegten Dschungelprüfungen. Der Reiz des Formates liegt in den bissig-ironischen bis hämischen Zoten, die sich das versierte Autorenteams täglich ausdenkt und den beiden Moderatoren zur boshaften Interpretation vorlegt. Sonja Zietlow und Daniel Hartwich, der einen würdigen Nachfolger des großartigen Dirk Bach abgibt, machen dabei stets eine gute Figur.

Man muss den „Dschungel“ deshalb noch lange nicht mögen. Er mag auf viele langweilig, nichtssagend und überflüssig erscheinen. Aber er ist – entgegen seinem Ruf – nicht das große Übel unserer Fernsehzeit. Dies sind vielmehr so selbstherrliche Formate wie DSDS, in denen unter großspurigen Ankündigungen Teilnehmer wie Zuschauer gleichermaßen verarscht werden. Denn von einer wahrhaftigen Suche nach einem Superstar kann hier schon lange nicht mehr die Rede sein. Stattdessen werden krakeelnde Gören in den Wettbewerb genommen, denen es offenkundig an Talent, aber eben nicht an optischen Effekten und Dreistigkeit mangelt.

Ernstnehmen kann man solche Shows schon lange nicht mehr, auch wenn sie es für sich selbst beanspruchen. Und genau diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit macht DSDS & Co. letztlich so schlecht und überflüssig. Umso wichtiger ist da eine Show wie das Dschungelcamp – als Katharsis für eine selbstverliebte und zumeist höchst oberflächliche Branche. In diesem Sinne, auch wenn es viele nicht hören mögen: Gut, dass es IBES gibt.

Weiter als man glaubt?

20. Januar 2014

Es ist passiert. Das Tabu ist gebrochen. Als erster Spieler in der über 50-jährigen Geschichte der Bundesliga hat sich Thomas Hitzlsperger zu seiner Homosexualität bekannt und damit eine neue Zeitrechnung eingeläutet. Nichts ist mehr, wie es war. Oder doch nicht? Die wohlwollenden, mitunter höchst entspannten Reaktionen auf das Coming Out des einstigen Nationalspielers lassen den allgemeinen Hype als reichlich absurd erscheinen. Schwule Fußballer – so what. Wo ist das Problem? Die Branche gibt sich gelassen.

Gewiss, in der Anonymität des Internets ließen homophobe Statements nicht lange auf sich warten. Und manch zustimmender Kommentar mag wohl eher dem Diktat der Political Correctness als eigener Überzeugung geschuldet gewesen sein. Dennoch hätte das Echo auf Hitzlspergers Outing in der Summe wohl kaum besser ausfallen können.

Das Signal ist unmissverständlich: Die Gesellschaft ist weiter, als viele glauben. Und auch im Fußball scheint die Trendwende längst eingeleitet. Der vermeintlich so chauvinistische und patriarchische Männersport hat sich weiterentwickelt zu einem toleranten und weltoffenen Gesellschaftsphänomen, in dem für alles und jedermann Platz ist – eben auch für Schwule.

Und das ist auch gut so, mag man in Anlehnung an Wowereits legendäres Outing konstatieren. Wenn es denn wirklich so ist. In unserem Hang zu den Extremen neigen wir dazu, das einst sorgenvoll beschworene Szenario vorschnell als Hirngespenst abzutun. Homophobie im Fußball hat sich erledigt? Die derzeitige Antwort kann nur ein klares Jein sein.

Denn so positiv die Reaktionen auf Hitzlsperger auch waren, so fraglich ist es doch, ob man sie zwangsläufig auf das Klima im deutschen Fußball verallgemeinern kann. Der Lackmustest für die Bundesliga steht noch aus. Erst wenn sich ein aktiver Spieler offen zu seiner Homosexualität bekennt, wird man beurteilen können, wie es um Toleranz, Respekt und Weltoffenheit im Profi-Geschäft wirklich bestellt ist. Erst wenn in einem solchen Fall provokative Schmährufe, diskriminierende Anfeindungen und billige Scherze aus- oder zumindest die Seltenheit bleiben, wird man sich einigermaßen entspannt zurücklehnen können.

Bis dahin bleibt zumindest der leise Verdacht, dass Homophobie im Fußball vielleicht doch nicht so ein großes Problem ist, wie wir alle insgeheim befürchtet haben. Es wäre homosexuellen Spielern, dem Fußball und letztlich uns allen nur zu wünschen.

Sein wichtigster Lauf

13. Januar 2014

Seit zwei Wochen hält uns das Thema in Atem. Seit zwei Wochen beschäftigt die Sport-Welt (fast) nur ein Thema: Der schwere Ski-Unfall von Michael Schumacher lässt niemanden, der auch nur ein zartes Interesse am Sport hegt, nicht los.

Die öffentliche Anteilnahme am Schicksal Schumachers ist bewegend – die mediale Begleitung mitunter erschreckend. Denn so nachvollziehbar es ist, dass sich der Sport-Journalismus mit unstillbarem Eifer auf den Fall stürzt, so bizarr sind die Auswüchse, die die Berichterstattung annimmt. Da werden dann schon mal journalistische Wegbegleiter zu engen Freunden des ehemaligen F1-Weltmeisters hochstilisiert, die Mutmaßungen über die Befindlichkeit der Familie anstellen mögen. Da werden haltlose Vermutungen über Ursache und Ablauf des Unfalls in den Raum gestellt. Da werden medizinische Experten konsultiert, die ohne Kenntnis der genauen Details möglichst präzise Prognosen treffen sollen.

So schlimm, so bekannt. Das sich uns darbietende Szenario ist nicht wirklich neu und eben doch so perfide. Umso wohltuender sind da aufrichtige Stellungnahmen wie der persönliche Einwurf von Johannes Mittermeier. Ich selbst will mich daher auch nicht in die Schar der eifernden Beobachter einreihen sondern mich Johannes anschließen:  Gewinn den wichtigsten Lauf deines Lebens, Schumi!