Einfach respektlos

24. Februar 2014

Manchmal genügen bereits wenige Buchstaben, um in den menschlichen Synapsen negative Schwingungen hervorzurufen. Bei J-W-D wissen wir alle, dass wir uns fernab der Zivilisation befinden. A-K-W ist in Zeiten der Energiewende nicht gerade die beliebteste Kombination. Und mit N-S-A verknüpfen wir neuerdings all das Elend, was dieser Tage über unseren Planten hereinbricht.

Dagegen löst das Buchstaben-Trio C-I-O im Menschen geradezu klassischerweise Unbehagen und Missfallen aus – jedenfalls wenn man den Konsonanten an das Ende der Reihe stellt. Das Internationale Olympische Komitee – allseits bekannt unter dem Kürzel IOC – gilt seit jeher als Organisation, der Transparenz, Authentizität und Aufrichtigkeit eher fremd sind. Was wohl auch damit zusammenhängen könnte, dass sich die Buchstabenkombination S-K-A-N-D-A-L in diesen Kreisen besonderer Beliebtheit erfreut, auch wenn man sich öffentlich nur ungern zu ihr bekennt.

Kurz gesagt, das Image des IOC rangiert irgendwo zwischen Wiesenhof und Scientology – und das eben nicht zu Unrecht. Trotz aller Gruselstorys habe ich – welch naive Haltung – bis dato aber geglaubt, im Komitee gäbe es so etwas von – nennen wir es – Menschlichkeit und Respekt. Zugegeben, ein höchst leichtgläubiger Ansatz, der eben mit der Realität herzlich wenig zu tun hat. Denn als die norwegischen Langläuferinnen in Sotschi zum Andenken an den verstorbenen Bruder einer Teamkollegin mit Trauerflor auftraten, hatte das IOC nichts Besseres zu tun, als den Norwegerinnen eine Rüge auszusprechen.

Mit einigem Wohlwollen hätte man diese Reaktion als eine Art verwaltungsrechtlichen Reflex einordnen könnte. Bis IOC-Präsident Thomas Bach das Wort ergriff und den Tadel auch noch öffentlich rechtfertigte.  Schließlich verböte die Olympische Charta jede Form politischer, religiöser oder rassischer Propaganda an den Wettkampfstätten. Weshalb ein solches Statement denn auch nicht akzeptabel sei.

Ich gebe zu, es will mir nicht gelingen, das Tragen eines Trauerflors unter einen der Begriffe „politische, religiöse oder rassische Propaganda“ zu subsumieren; ich sehe in meiner abermals unendlichen Naivität hierin lediglich ein Zeichen persönlicher Anteilnahme. Doch ganz gleich, ob man mit großer Argumentationskunst die Rüge doch irgendwie begründen mag, will und werde ich sie nie verstehen. So eine Agitation ist schlichtweg respektlos, unmenschlich und sollte, wenn es ihn denn noch gibt, dem Olympischen Geist klar widersprechen. So bleibt mir denn auch nur die altbekannte Buchstabenkombination, wenn ich an das IOC denke: LMAA!

Alice und meine Nerven

17. Februar 2014

Und wieder fällt eine moralische Autorität von ihrem Sockel: Auch Alice Schwarzer hat Steuern hinterzogen und taugt jetzt nicht mehr zum Vorbild. Eine mehr – so what?

Meine persönliche Überraschung hielt sich in Grenzen. Nicht weil ich Frau Schwarzer so etwas schon immer zugetraut hätte. Aber eine moralische Instanz, eine Autorität oder gar ein Vorbild war sie ganz sicher nicht für mich. Eher eine Besserwisserin mit Nervensäge-Attitüde. Eine gewisse Häme konnte ich mir denn auch nicht verkneifen, wie wohl so viele hierzulande. Schadenfreude mag nicht der gerade die löblichste menschliche Emotion sein, aber sie ist eben doch so menschlich.

Alice Schwarzer wird mit dem Spott leben müssen, eben auch, weil sie ihn verdient hat. Durch ihren nunmehr als Heuchelei enttarnten moralischen Anspruch, aber vor allem durch ihre lächerlichen, geradezu peinlichen Erklärungsversuche, die alles im Grunde nur noch schlimmer machen. Sie habe lange Zeit mit dem Gedanken gespielt, ins Ausland zu ziehen. Wegen der Hetze gegen ihre eigene Person. Wendet Alice Schwarzer als persönlichen Entschuldigungsgrund ein. Wie dies aber als Rechtfertigung einer jahrzehntelangen Steuerhinterziehung  dienen soll, bleibt ihr Geheimnis.

Ich gebe zu, ich bin genervt von den dauernden Steuerdiskussionen. Ob Schwarzer, Hoeneß oder Zumwinkel – es mag ja alles einen Reiz, vielleicht gar einen gewissen Charme haben. Aber wenn wir ehrlich sind, erschöpft sich dieser doch in dem Aufdecken der Kluft zwischen formuliertem Anspruch und gelebter Wirklichkeit. Das alleine ist schlimm genug, aber eben doch nicht wirklich neu. Scheinheiligkeit ist kein Phänomen unserer Zeit, sondern eben so alt wie die Menschheit selbst. Wir alle sind uns dessen mehr oder weniger bewusst und begegnen unseren Mitmenschen mit entsprechender Skepsis, jedenfalls wenn wir uns nicht dem Vorwurf der Naivität aussetzen wollen.

Diese Symptomatik gilt in besonderem Maße für den Bereich der Steuern, in der offen Ehrlichkeit und Gesetzestreue eingefordert werden, um sich hinter vorgehaltener Hand der eigenen Schlauheit zu rühmen und dem Staat eins auszuwischen. Man mag noch so oft den Begriff des Steuer“sünders“ bekritteln und die Mär vom „Kavaliersdelikt“ geißeln – es ist noch immer Volkssport, das eigene Geld vor dem Fiskus mit legalen, aber eben auch mit illegalen Mitteln zu retten. Von einem nachhaltigen Mentalitätswandel ist – trotz aller Fernsehdebatten – nach wie vor wenig zu spüren.

Umso ermüdender sind denn auch die regelmäßigen Diskussionen über prominente Steuerhinterzieher, Vor- und Nachteile von Selbstanzeigen und einen bevorstehenden Bewusstseinswandel. Es ist, wie es ist, mag man etwas resigniert anmerken. Dies heißt nicht, das Steuerthema nunmehr von der Agenda zu nehmen. Die derzeitige Übersättigung könnte jedoch insofern kontraproduktiv sein, als dass eine überhastet geführte Debatte oftmals im Sande verläuft. Und im Übrigen soll es ja auch noch andere politische Themen geben. Auch wenn man es augenblicklich kaum glauben mag.

Ich schaue zu

10. Februar 2014

Nein, ich habe nicht lange überlegen müssen. Ob ich mir – wie alle vier Jahre – genüsslich die Winterspiele vom Fernseher aus reinziehe oder doch lieber den Wohnzimmer-Gauck mache und auf das Spektakel verzichte, war für mich keine Frage. Ich schaue zu – und zwar ohne schlechtes Gewissen.

Dabei ignoriere ich nicht, dass in Russland die Menschenrechte mit Füßen getreten werden und Homophobie genauso an der Tagesordnung ist wie die Beschneidung der Meinungsfreiheit. Ich übersehe nicht, dass die Spiele vor allen Dingen der Selbstinszenierung des russischen Präsidenten dienen sollen. Doch ich erlaube mir den Luxus, Olympischen Winterspiele als das zu betrachten, was sie sind: Eine faszinierende, spannende und unterhaltsame Sportveranstaltung.

Aber darf man es sich wirklich so einfach machen? Einfach auf die Attraktivität des Wettkampfs verweisen und in sich in halbgare Floskeln flüchten („Sport ist keine Politik“)? Die Dinge sind wahrlich nicht so einfach, wie wir es gerne hätten. Wer angesichts der Menschenrechtslage in Russland nicht nur die Nase rümpft, sollte überlegen, wie er seinen bescheidenen Teil zu einer Verbesserung beitragen kann. Die Spiele zu boykottieren, indem man den eigenen Fernseher im Zweifel auslässt, wäre dafür zumindest ein symbolischer Akt, dessen Wirkung aber allenfalls bei millionenfacher Nachahmung wahrnehmbar wäre.

Doch genau diese Denke spielt Putin in die Karten, reduziert sie das Olympische Ereignis doch auf ein Propaganda-Festival Russlands. Dass es im Kern trotz aller fragwürdigen Inszenierungen um die Athleten und ihre Leistungen geht, gerät dann schnell in den Hintergrund. Leidtragende wären vor allen Dingen die Sportler, deren sportliche Mühen einem politischen System und dessen Ächtung zum Opfer fielen.

Das Kind ist längst in den Brunnen gefallen. Der Kardinalfehler lag darin, die Spiele überhaupt erst nach Sotschi zu vergeben. Sich als Zuschauer über den moralischen Kontext des Ereignisses Gedanken zu machen, mag löblich sein, verschiebt die Verantwortlichkeiten jedoch auf unangemessene Weise. Dass Sotschi Austragungsort der Spiele ist, geht weder auf das Konto der Zuschauer noch der Aktiven, sondern fällt ganz allein in den Verantwortungsbereich des IOC.

Ich für meinen Teil schaue mir jedenfalls guten Gewissens die Spiele von Sotschi an. Andernfalls müsste ich mir die Frage gefallen lassen, weshalb ich mir denn die Klub-WM in Marokko angeguckt habe, einem Land, in dem die Gleichberechtigung der Frau genauso ein Fremdwort ist wie Religionsfreiheit. Ich dürfte mich fragen, warum ich eigentlich so ausgiebig die Sommerspiele 2008 im menschenrechtsfeindlichen China geschaut habe. Und wahrscheinlich würde ich dann auch besser keinen US-Sport mehr schauen. Guantanamo sei Dank. Es lebe die Heuchelei.