Gebt Roger eine Chance!

31. März 2014

Sein Ausdrucksstil ist elaboriert. Und er würde sich nicht scheuen, diesen Begriff zu verwenden. Wenn Roger Willemsen dieser Tage durch die Talkshows tingelt, um sein neues Buch „Das hohe Haus“ zu promoten, in dem er seine Beobachtungen aus einem Jahr Besuchen im Bundestag festgehalten hat, kann er eine gewisse Selbstgefälligkeit nicht verhehlen. Der inzwischen 58-jährige Publizist scheint sich selbst zu lieben. Und zwar mit großem Recht. Der rhetorischen Brillanz, die Willemsen in seinen zumeist genauso pointierten wie humorvollen Statements verströmt, kann man sich kaum entziehen. Er ist ein Sprachkünstler und zudem ein klarer und ebenso unbequemer Denker, der den Finger nur allzu gerne in die Wunde legt. Ob in Sachen Parlamentskultur, Taliban oder Homophobie, Willemsen nennt die Dinge beim Namen. Er schwurbelt nicht rum, er sagt, wie es ist, unnachgiebig, entschieden, aber eben doch mit so viel Witz, dass man ihm stundenlang zuhören möchte.

So berauschend die Auftritte des studierten Germanisten mitunter geraten, so nostalgisch kann man werden bei dem Gedanken, dass dieser Mann einst zum festen Ensemble der deutschen Fernsehgrößen gehörte. Damals, als das ZDF ihm noch den Platz und die Zeit gönnte, um unkonventionelle, tiefschürfende Gespräche in seiner eigenen Sendung zu führen. Seitdem hat sich viel in der deutschen Fernsehlandschaft getan, wenig davon zum Guten. Effekthascherei, billige Polemik und reißerische Inszenierungen sind mehr und mehr an der Tagesordnung. Bei aller Vorsicht vor pessimistischer Schwarzweißmalerei: Die Qualität im deutschen Fernsehen nimmt immer weiter ab. Mutige, ambitionierte Projekte fernab des gesättigten Mainstreams bilden die Ausnahme. Doch immerhin, es gibt sie, die Perlen des neuen Fernsehens. Richard David Prechts philosophischer Vis-à-vis-Talk gehört genauso dazu wie Drama-Serien vom Schlage „Weißensee“. Und doch oder gerade deshalb wünscht man sich mehr davon. Mehr Charme, mehr Esprit, mehr Niveau.

Roger Willemsen wäre in der Lage, dem deutschen Fernsehen wieder ein bisschen mehr Niveau zu verpassen. Mit unangepassten Monologen, geistreichen Dialogen und einer sprachlichen Genialität, wie wir sie heutzutage auf der Mattscheibe praktisch gar nicht mehr erleben. Vielleicht ist er nicht der große Zampano, der mit provokativen Scharaden Quote generiert. Aber ist ganz sicher ein Hoffnungsträger für ein mehr und mehr dahinsiechendes Medium. Wenn man ihm denn wieder eine Chance gibt.

Das ganze Elend begann im April 1992. Toni Schumacher gab sein Abschiedsspiel in Köln, RTL übertrug live und ich hatte Osterferien. Eine unglückselige Mischung mit eindeutiger Konsequenz: Dieses Spiel durfte ich mir nicht entgehen lassen – ich hatte ja sonst nichts zu tun. Aber trotz meines jugendlichen Alters von gerade einmal 13 Jahren begriff ich, dass der sportliche Wert eines solchen Abschiedsspiels wohl doch eher so zwischen Schaulaufen und Sackhüpfen anzusiedeln war. Einfach nur zuschauen just for fun – das war mir dann doch zu wenig und ich entschied, die Torschützen dieses ach so belanglosen Matches auf einem karierten Blatt Papier festzuhalten. Für die Nachwelt, die bestimmt einmal in meinen Hinterlassenschaften kramen würde, um herauszufinden, wer denn damals die Buden geschossen hatte, als sich der Tünn von der großen Fußballbühne verabschiedete.

Zugegeben, mir ist die Motivation für meinen plötzlichen Archiverungsanfall bis heute ein Rätsel. Dass ich wirklich glaubte, ein historisches Ereignis für die Menschheit nachhalten zu wollen, ist ebenso gelogen wie die Behauptung, es wäre mir nicht möglich gewesen, ein Fußballspiel aus bloßer Spaß an der Freud‘ zu schauen. Es war denn wohl schlicht die pure Langeweile, die mich dazu veranlasste, die Torschützen einer Partie zu notieren, deren statistische Relevanz nicht einmal unter einem Elektronenmikroskop wahrnehmbar war.  Was auch immer den genauen Ausschlag gab, das Toni-Schumacher-Abschiedsspiel bildete den Startschuss für mein noch immer andauerndes Dasein als Statistik-Nerd.

So gab das karierte Blatt mit den Torschützen und Spielminuten des Abschiedsspiels ein eher klägliches Bild ab, weshalb ich entschied, es um die statistischen Daten des folgenden Bundesliga-Spieltags zu ergänzen. Und wo ich dann schon einmal dabei war, so einen Bundesliga-Spieltag datenmäßig zu erfassen, konnte ich damit doch gleich weitermachen. Das letzte Saisonviertel der Spielzeit 1991/92 hielt ich, so traurig es sich auch für meine Bayern seinerzeit gestaltete, in allen wesentlichen Einzelheiten fest und beschloss, fortan in das wenig lukrative Statistikgeschäft einzusteigen.

Die doch eher unprofessionelle handschriftliche Erfassung der Bundesliga-Torschützen wich umfangreichen Word- und Excel-Dateien, in denen alle ach so wichtige Details penibel festgehalten wurden. Doch schnell war die Bundesliga alleine nicht mehr genug – das Business musste ausgedehnt werden. Tennis-Turniere, F1-Rennen, Skispringen – alles, was von archivierbar war, wurde archiviert: In diversen Excel-Tabellen, deren Ausdrücke schnell ganze Leitz-Ordner füllten.

Warum das Ganze? Die Frage sollte man besser Psychologen oder notfalls Adrian Monk stellen. Ich kann es nicht beantworten, nur weiß ich, dass die Statistik-Lust mitunter auch Züge einer Sucht annehmen und dabei recht skurrile Ausmaße erreichen kann. Dass ich im Jahr 1996 die Ergebnisse sämtlicher deutschen Hallenturniere – vom Sparkassencup in Riesa bis zum C-Turnier in der Kölner Sporthalle – festhielt, gehört denn auch wohl auch zu den Tiefpunkten einer Leidenschaft, die mich bis heute nicht wirklich verlassen hat.

Inzwischen habe ich weder Zeit noch Lust, alle Sieger der ATP-Turniere aufzulisten oder Ski-alpin-Rennen nachzuhalten. Aber der Fußball lässt mich eben nicht los. Und so treibt mich noch immer eine innere Stimme dazu, die Partien eines jedes Bundesliga-Spieltags haarklein und in aller statistischen Ausführlichkeit zu erfassen, mit Torschützen, Spielminuten, Platzverweisen und Aufstellungen – eben allem, was man wissen muss, aber eh nie wieder nachschlagen wird. Die Sinnfrage zu stellen würde – wie paradox – denn auch keinen Sinn machen. Der Sinn an sich liegt im Archivieren als solchem. So etwas nennt man wohl Selbstzweck oder im Zweifel Schizophrenie.

Man mag es Laster, seltsame Angewohnheit oder Tic nennen. Aber es ist eben da und im Grunde nicht heilbar. Wohl auch, weil ich mich von diesem Leiden – wenn man es denn so nennen will –  letztlich gar nicht kurieren lassen will. So absonderlich es auch sein mag, ich liebe es doch irgendwie. Große Sorge bereitet mir das Phänomen denn auch nicht, wenngleich ich eine Ausprägung bei selbstkritischer Betrachtung doch ein wenig bedenklich finde.

Dass ich seit nunmehr über zehn Jahren jeden Schiedsrichter einer Bundesliga-Partie (inzwischen gar auch von Zweitligaspielen) in diversen Word- und Excel-Dokumenten festhalte, stimmt mich zuweilen doch nachdenklich. So wirklich gesund kann das eigentlich nicht sein, zumal es dabei eben nicht bleibt. Denn zwischenzeitlich habe ich auch damit begonnen, die Assistenten der jeweiligen Schiedsrichter bei ihren Bundesliga-Einsätzen nachzuhalten. Und über ein ausgeklügeltes Punktesystem versuche ich die Qualität der für einen bestimmten Spieltag eingeteilten Unparteiischen zu erfassen, um somit einen Rückschluss auf die Brisanz des Bundesligawochenendes zu erhalten.

Nein, mit den Gesetzen von Vernunft und Intelligenz ist das alles beileibe nicht mehr zu erklären. Es ist eine Leidenschaft, die mitunter groteske Ausmaße angenommen hat. Wirkliche Leiden beschert sie mir gleichwohl nicht. Denn auch wenn der Eindruck ein anderer sein mag: Ich verfüge tatsächlich noch über ein soziales Leben, gehe unter Menschen und ja, habe sogar noch Freunde. Auch wenn mich Letzteres manchmal selbst überrascht.

Doch es ist, wie es ist und wird sich so schnell wohl auch nicht mehr ändern. Eben auch weil ich es gar nicht anders haben möchte. Ich bin ein hoffnungsloser Fall. Ein Statistik-Nerd mit fragwürdigen Präferenzen. Und das alles nur wegen Toni Schumacher. Danke, Tünn!


(dies ist mein aktueller Beitrag zum mySPOX-Blogpokal)

Abstand auf Zeit

17. März 2014

Es gibt nur einen Uli Hoeneß. Nein, gibt es nicht. Der einst für Rudi Völler erfundene Lobgesang passt auf den Macher des FC Bayern nicht. Es gibt mindestens zwei Uli Hoeneß: Hier der charismatische Konstrukteur des Bayern-Erfolgs mit Familiensinn und sozialem Gewissen, da der hemmungslose Zocker mit kriminellem Gebaren. Sucht man nach der modernen Verkörperung des janusköpfigen Hybriden, wird man sie in Uli Hoeneß finden.

So ambivalent, wie sich die Persönlichkeit des Bayern-Faktotums ausnimmt, so zwiegespalten bin ich in der Beurteilung des Falles und seiner Person. Dabei will ich mich gar nicht zu den Millionen selbsternannten Richtern gesellen, die sich fernab juristischen Knowhows und ohne Kenntnis des Menschen Hoeneß zu einem persönlichen Urteil berufen fühlen. Ich will mir nicht anmaßen zu bewerten, ob die verhängte Haftstrafe der Person Hoeneß und seiner Tat gerecht wird. Ich kann es nicht und will mich deshalb zurücknehmen. Und doch habe ich eine persönliche Empfindung -  verschwommen, subtil und in sich gespalten.

Als nüchterner Beobachter der Causa Hoeneß bin ich überrascht. Über die Dimensionen einer Steuerhinterziehung, die alle Vorstellungen sprengte. Über einen Mann, der Wasser predigte und Wein soff, der sich seine eigene Welt mit der ihm zugedachten Gerechtigkeit schuf. Über einen Straftäter, der die Auswüchse seiner Tat nicht wirklich zu überschauen scheint und jetzt zu Recht verurteilt worden ist.

Als langjähriger Fan des FC Bayern, dem dieser Verein weiter über das gängige Klischee eines Erfolgsfans hinaus am Herzen liegt, bin ich betroffen und betrübt. Seit ich Fußball denken und fühlen kann, war sie da, diese fast selbstverständliche Gleichsetzung von meinem Verein und Uli Hoeneß, dem Macher, dem Kämpfer, dem guten Menschen von der Säbener Straße, dessen schillernde Persönlichkeit mich immer fasziniert hat. Ich habe beileibe nicht alles gut geheißen, was Hoeneß gesagt und getan hat. Ich habe mich gestoßen an manch großspuriger Aussage, an schroffen Ankündigungen und selbstverliebter Überheblichkeit. Und doch habe ich ihn immer bewundert, diesen Typen Mensch, so aufrichtig, klar und kompromisslos, wie er war. Ich habe Uli Hoeneß geschätzt und ja, ich habe ihn gemocht.

Wenn Uli Hoeneß in guten Zeiten der Inbegriff des FC Bayern war, die scheinbar naturgegebene Identifikationsfigur eines ganzen Vereins, so wird man diese Identifikation im Schlechten nicht einfach auflösen können – nicht dürfen. Und doch ist seit dem Urteil gegen Uli Hoeneß auf einmal alles anders. Dabei erscheint sein Rücktritt eher als formaler Akt. Die wirkliche Trennung wird erst in der kommenden Zeit vollzogen werden müssen. Doch es sollte keine vollständige Loslösung sein. So schlimm und so unverzeihlich sein Verhalten auch war, so schäbig wäre es, sich komplett von der Person Uli Hoeneß abzusondern. Den Mann, der diesen Verein groß gemacht, soll es plötzlich nicht mehr geben? Nein, das darf nicht die Antwort sein. Dann doch eher: Abstand auf Zeit.

So traurig der ganze Fall auch ist, so sehr bietet er aber immerhin die Möglichkeit zu einer gewissen Emanzipation. Denn trotz aller Verdienste, der FC Bayern ist mehr als Uli Hoeneß. Dies wird er selbst ganz sicher genauso sehen.

…das ist das Sachlichste, was mir derzeit zum Thema einfällt. Tatsächlich sehe ich es aber wohl doch ein bisschen emotionaler. Aber dafür verweise ich gerne auf den Blogtext von KEMPERboyd.