Das Niersbach-Prinzip

28. April 2014

Ein Revoluzzer ist er ja nicht gerade. Mit seinen seltenen innovativen Einwürfen eher so etwas wie der Joachim Gauck des deutschen Fußballs. Nein, unorthodoxe Ideen vernimmt man von DFB-Präsident Wolfgang Niersbach kaum. Umso erstaunter war ich, als sich der Chef der Fleck-Schneise unlängst zur Fußball-WM in Katar zu Wort meldete und eine Verlegung in das Jahr 2023 anregte. Denn 2022 seien ja wieder Winterolympische Spiele, mit denen man nicht kollidieren wolle. Weshalb eine Vertagung denn doch angesagt sei. Ich finde das gut, gebe aber zu bedenken, dass 2023 ja dann auch Leichtathletik-WM ist. Dann doch besser 2024. Wobei? Da sind ja dann auch die Olympischen Sommerspiele. Passt auch nicht. Also doch 2025. Nee, Leichtathletik-WM. 2026? Schlecht. Da ist ja Fußball-WM. Vermutlich in China. Oder Saudi-Arabien. Also dann eben: Ausfallen lassen.

Ich gebe zu, mir ist diese Verschiebe-Lösung durchaus sympathisch. So lange verzögern, bis sich die Sache im Grunde von selbst erledigt hat. Ist inzwischen ja auch die Taktik der meisten Elfmeterschützen. Ja, das Modell hat Potential. Im Zweifel vertrösten, verschieben, hinhalten… Wäre ja auch ein Ansatz, um Dorfclubs wie JWD Paderborn oder Euter Fürth von der Bundesliga fern zu halten. Einfach die doppelte Relegation einführen: Auch der Zweite muss sich erst noch beweisen. Werden Hamburg oder Nürnberg doch irgendwie schaffen, uns vor dem doppelten Prärie-Elend zu bewahren.

Oder dieses Wembley-Ärgernis. Drin oder nicht, weiß der Schiri ja meist auch nicht. Und dank Ablehnung der Torlinientechnologie wohl auch weiterhin ein beliebtes Diskussionsthema auf und neben dem Platz. Für den Unparteiischen immer ein bisschen heikel. Ohne technische Hilfsmittel meist so eine Gutglück-Geschichte, angesichts dauernder Proteste der Spieler aber höchst nervig. Bei Abseits genau das gleiche Dilemma. Mit der Niersbach-Lösung aber bald kein Problem mehr. Dann sagt der Schiri ganz locker-flockig mit coolem Anti-Bürokratie-Habitus „Schaue ich mir später genauer an!“. Warum sich im Eifer des Geschehens festlegen, wenn man sich das Ganze doch noch nachher in aller Ruhe zu Gemüte führen kann. Bloß keine Eile. Dass das Ergebnis mit dem Abpfiff feststeht, tut nix zur Sache. Hauptsache die Entscheidung sitzt, wenn auch nachträglich.

Besonderen Charme hat die Lösung natürlich bei Platzverweisen: Ob du runter musst oder nicht, besprechen wir später. Nur ja nichts übereilen. Immer schön Zeit lassen. Hätte die FIFA ja damals auch beinahe gemacht, als sie die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 en bloc vergeben hat. Fast eben. Und was daraus geworden ist, sehen wir ja nun heute.

Im Zweifel also auf morgen verschieben. Soll ja auch beim CL-Finale dieses Jahr so gehandhabt werden. Ein mögliches Elfmeterschießen wird erst am Sonntag ausgetragen – der Spannung wegen. Wolfgang Niersbach gefällt das.

Frag den Raab

21. April 2014

Am Ende tat es mir fast ein bisschen leid. Als Markus Lanz zum Ende der Sendung in Offenburg das baldige Aus von Wetten dass..? verkündete, kam auch bei mir etwas Wehmut auf. Die Institution des deutschen Fernsehens, das ewige Schlachtschiff der Samstagabendunterhaltung wird bald untergehen. Überraschend kam die Nachricht nicht, überfällig war sie ohnehin. Wetten dass…? ist nicht mehr das, was es einmal war. Die einst originelle, abwechslungsreiche und kurzweilige Show ist zu einem öden Geplänkel verkommen, auf das wir alle verzichten können, ohne auch nur irgendetwas zu vermissen.

Warum gerade jetzt das Ende der Fahnenstange erreicht ist, mag man fragen und im gleichen Atemzug auf Markus Lanz verweisen, der mit dem großen Samstagabend-Format augenscheinlich überfordert ist. Elstners geniale Show-Idee als nicht mehr zeitgemäß zu bewerten, wäre der andere Ansatz. Dabei scheint das Konzept „Wetten, Spielen, Talken“ so zeitlos, dass es eigentlich jederzeit und überall funktionieren müsste. Und doch wirkten die Wettdarbietungen zuletzt nur noch wie Neuinterpretationen althergebrachter Ideen. Schiffe, die durch Häfen navigieren. Autos, die an Schläuchen gezogen werden. Musiktitel, die via Lichtzeichen interpretiert werden. Alles irgendwie irgendwann schon einmal da gewesen.

Es ist daher nur konsequent, dem traurigen Treiben ein Ende zu bereiten. Die Zeit ist abgelaufen. Es bedarf neuer Ideen. Neuer Konzepte. Doch woher  nehmen? Kreativität ist im deutschen Fernsehen rar gesät, Innovationen eine Seltenheit, Mut ein Fremdwort. Was also tun auf der Suche nach einem Wetten dass..?-Nachfolger, der geistreich unterhält und gleichzeitig eine annehmbare Quote generiert? Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es nur eine erfolgversprechende Antwort: Stefan Raab. Der Pro7-Allrounder hat in der Vergangenheit ein ums andere Mal bewiesen, dass seine unorthodoxen Ideen genauso erfolgreich wie genial sind. Vielleicht hat er also einen kleinen unverbindlichen Tipp für den Lerchenberg-Sender parat. Etwas Neues, Erfrischendes, Außergewöhnliches. Bleibt zu hoffen, dass Bellut & Co. den Mut beweisen, den es jetzt braucht.

Muss doch nicht

14. April 2014

Die Vereine haben sich entschieden. Torlinientechnologie wird’s im deutschen Fußball erstmal nicht geben. Weil es viel zu teuer ist und ja doch nichts bringt. Und ich finde das absolut richtig. Mal ehrlich, Tore werden im Fußball eh chronisch überbewertet. Es geht um Ballbesitz, schöne Kombinationen, Choreo und Pyro, Field-Interviews und Doppelpass. Aber Tore? Braucht kein Mensch. Weshalb also viel Geld investieren, nur um die höchst überflüssige Frage zu klären: Drin oder nicht? Ja mei, haben wir nichts Besseres zu tun. Es ist so schönes Wetter draußen und wir zerbrechen uns den Kopf, ob die Kugel nun vor, auf oder eben schon hinter der Torlinie war. Tor ist, wenn das Netz zappelt. Muss reichen.

Und ja, die Bundesliga muss sparen. Da kann man sich so viel Asche für so einen fragwürdigen Daniel-Düsentrieb-Hokuspokus nicht leisten. Im deutschen Profifußball ist man eben notorisch klamm. Da muss man schauen, wofür man die knappen Mittel ausgibt und übt eben gerne Verzicht. Deshalb wird es auch keine spektakulären Millionentransfers mehr geben. Sind doch eh meist Fehleinkäufe. Kosten viel, bringen nix. Und auf diese nervigen Auswärtsspiele kann man im Grunde genommen doch auch verzichten. Im Zweifel verlierst du eh – und deshalb so viele Kröten für Flug und Hotelunterkunft auf den Kopf hauen? Muss doch nicht. Und das mit den Trainerwechseln kann man sich ja auch mal schön schenken. Nach drei, vier Spielen ist der Effekt verpufft und der Neue ist schon bald wieder der Alte. Abfindung inklusive. Also: Weglassen!

Ich finde diese neue Sparwelle im Fußball großartig. Einfach mal auf alles verzichten, was im Grunde doch eh vollkommen verzichtbar ist. Torlinientechnologie? Was für ein alberner Schnickschnack! Viel Geld raushauen, nur um das mit diesen na, sag schon… Toren zu klären. Also bitte! In dem Sinne: Vielen Dank an die deutschen Profi-Vereine für so viel Weitsicht…