Vorab: Ich leide Zeit meines Lebens an einer Muskelerkrankung, die mich seit dem elften Lebensjahr auf den Rollstuhl verweist. Trotz meiner körperlichen Behinderung führe ich – im Rahmen meiner Möglichkeiten – ein normales Leben und habe ausschließlich nichtbehinderte Freunde. Dank der großen Hilfsbereitschaft und Aufgeschlossenheit meiner Mitmenschen konnte ich stets reguläre Bildungseinrichtungen besuchen – vom Kindergarten über die Grundschule und das Gymnasium bis zur Universität. An meinem Beispiel wurde Inklusion praktiziert noch zu Zeiten, da dieser Begriff überhaupt noch nicht geläufig war.

Nicht zuletzt aufgrund meiner persönlichen Geschichte habe ich die Meldungen um den 11-jährigen Henri, der trotz Down-Syndroms und der damit einhergehenden geistigen Beeinträchtigung nach dem Willen seiner Mutter ein Gymnasium besuchen soll, mit besonderem Interesse verfolgt. Obwohl Henri nie einen Bildungsabschluss wird erreichen können (weder Abitur noch Real- oder Hauptschlussabschluss), kämpft die Mutter beharrlich darum, ihrem Sohn den Zugang zur gewünschten Schule zu ermöglichen. Ihr geht es dabei vor allem darum, ihn ihm gewohnten Umfeld seiner Freunde zu belassen und unter dem Argument konsequenter Inklusion gesellschaftlich zu integrieren.

Das Beispiel des jungen Henri hat ein starkes mediales Echo nach sich gezogen. Selbst in der Talksendung „Günter Jauch“ wurde das Thema – leidenschaftlich – diskutiert. Nun liegt es auf der Hand, dass solche Debatten sehr emotional und zum Teil auch mit fast aggressivem Pathos geführt werden. Schnell kann es dabei zu einer kontraproduktiven Schwarzweiß-Malerei kommen – frei nach dem Motto: Hier die kaltherzigen Inklusionsverweigerer, dort die überambitionierten Fantasten. So einfach liegen die Dinge aber zum Glück nicht.

Als Behinderter genieße ich wohl das Privileg, mich unbefangen zur Sache äußern zu können, ohne vorschnell in eine falsche Ecke gedrängt zu werden. Ich selbst jedenfalls versuche mir aus meinem speziellen Blickwinkel heraus eine differenzierte Meinung zu bilden, ohne dabei in eindimensionale Stereotype zu verfallen. Und insofern kann ich das Ansinnen der Mutter in diesem Fall dem Grunde nach sehr gut nachvollziehen. Welche Mutter will nicht das Maximalmögliche für ihr Kind erreichen, um ihm eine optimale Perspektive zu verschaffen?

Doch bereits hier muss der Zweifel erlaubt sein, ob es für einen Jungen wie Henri wirklich die ideale Aussicht ist, auf eine Schule zu gehen, dessen intellektuelles Angebot ihn offenkundig komplett überfordert. Ich könnte mit meinem eigenen Beispiel dagegen halten, dass ich als Rollstuhlfahrer ja auch nie auf die Idee gekommen wäre, mich als Spieler beim ortsansässigen Fußballclub zu bewerben. Das mag ein überspitzter und vielleicht auch zynischer Vergleich sein – aber ist er deshalb so falsch? Henris Mutter würde entgegnen, es ginge ihr ja weniger um die intellektuelle Komponente als um den Sozialverband, den sie ihrem Sohn nicht vorenthalten möchte. Aber ist nicht gerade ein Gymnasium in erster Hinsicht eine Bildungseinrichtung, in der es um die Vermittlung von geistigen Fähigkeiten geht? Ich meine schon, auch wenn ich selbst natürlich gerade durch meinen Besuch eines Gymnasiums die gesellschaftliche Integration erfahren habe, die ich mir erwünscht habe.

Ohne die nötige (geistige) Eignung hätte jedoch auch ich nicht diese Schullaufbahn absolvieren können. Und was soll man eigentlich den (nichtbehinderten) Schülern sagen, die wegen zu schlechter Leistungen das Gymnasium verlassen müssen? Werden die nicht fragen können, wieso sie selbst von der Schule abgehen müssten, während ein Henri da bleiben dürfte. Liegt hierin dann nicht auch eine unangemessene Ungleichbehandlung von Nichtbehinderten und Behinderten – nur diesmal ausnahmsweise zum Nachteil der Nichtbehinderten?

Es mag antiquiert und engstirnig klingen, aber ich glaube, dass das wesentliche Merkmal für den Besuch des Gymnasiums die intellektuelle Qualifikation sein muss. Wenn es an dieser fehlt, so muss man eben für das jeweilige Kind nach einer anderen passenden Schule suchen. Dies gilt auch für den kleinen Henri.

Vielleicht bin ich undankbar, wenn ich, der selbst von aufgeschlossenen, inklusionsbereiten Menschen profitiert hat, die hier angedachte Form einer Inklusion für abwegig halte. Womöglich mag man mir Widersprüchlichkeit vorwerfen und mich doch bitten, in so einem Fall ganz ruhig zu sein. Oder aber man glaubt mir, dass ich beurteilen kann, was Inklusion ist und wo auch sie ihre Grenzen erfährt.

Wird eh wieder nix

19. Mai 2014

Endlich wieder WM. Vier Jahre des Wartens sind vorbei. Das Turnier der Turniere steht an. Meine Vorfreude hält sich jedoch in Grenzen. Warum? Ich weiß es nicht. Vielleicht liegt es an den fragwürdigen Begleitumständen, vielleicht am selbstgefälligen Gebaren der FIFA, welches für sich genommen aber bekanntlich keine Neuheit ist. Wahrscheinlich hat die gedämpfte Begeisterung, wie ich sie nicht nur bei mir, sondern auch bei vielen fußballbegeisterten Freunden wahrnehme, doch vor allem mit der geringen Erwartungshaltung an die deutsche Nationalmannschaft zu tun. Gewiss, Weltmeisterschaft ist mehr als das sportliche Abschneiden der favorisierten Mannschaft. Und doch hätte es Züge von Heuchelei leugnen zu wollen, dass der Enthusiasmus nicht zuletzt mit dem Erfolg des eigenen Landes zusammenhängt. Ich jedenfalls kann mich davon nicht frei machen.

Meine Hoffnungen auf den großen Triumph für die deutsche Nationalmannschaft sind denn auch diesmal eher gering – um es vorsichtig zu formulieren. Glaubte ich 2006, 2008, 2010 und auch 2012 noch daran, dass sich das hohe Leistungspotential in einem Titelgewinn niederschlagen würde, so ist von dieser Zuversicht im Jahre 2014 nicht mehr viel geblieben. Die wiederholte Ernüchterung ob der jeweils enttäuschten Hoffnung ist in Skepsis und Pessimismus gemündet. Ich traue dieser Nationalmannschaft unter Joachim Löw einen Titel nicht mehr zu. Nicht weil es an Qualität oder Know-How mangeln würde, wohl aber an Biss, Entschlossenheit und Siegermentalität. Die Vokabeln mögen abgegriffen klingen, doch das dumpfe Unbehagen lässt sich nicht bestreiten: Dieser Mannschaft fehlt das gewisse Etwas, um wirklich den letzten Schritt zu gehen.

Dies gilt in diesem Jahr mehr denn je, ist die Personalsituation doch eher besorgniserregend. Viele Spieler befinden sich – in der Regel verletzungsbedingt – fernab ihrer Bestform und machen nicht den Eindruck, für die Mission „Titelgewinn“ gewappnet zu sein. Wohlwissend hat Löw bereits vorgebaut und den schlechten Allgemeinzustand beklagt. Subtext: Mit dieser Mannschaft ist kein Blumentopf zu gewinnen.

Was der Bundestrainer unausgesprochen hat anklingen lassen, dürfte vielen deutschen Fußball-Fans schwer im Magen liegen und die mangelnde Begeisterung vor dem Turnier in Brasilien erklären. „Wird eh wieder nix“ ist das ernüchternde Mantra für die anstehende Fußball-Weltmeisterschaft. Womöglich ist es auch nur eine Form von exzessivem Zweckpessimismus.  Wie auch immer, niedrige Erwartungen schützen immerhin vor großen Enttäuschungen. In dem Sinne: Ich lasse mich gerne positiv überraschen, auch wenn ich daran nicht glauben mag.

„Das war’s noch nicht!“ – Uli Hoeneß‘ Ankündigung, nach Verbüßung seiner Haftstrafe in verantwortungsvoller Position zum FC Bayern zurückkehren zu wollen, versetzte die Mitglieder in Verzückung. Standing Ovations, lang anhaltender Applaus, allgemeine Zustimmung. Dass das Kapitel ‚Hoeneß‘ beim Rekordmeister noch nicht beendet ist, scheint bei den Bayern keinen Widerspruch zu finden. Und auch ich verspürte eine Art innerliches Nicken angesichts der kämpferischen Worte des Mr. FC Bayern. Der härtest mögliche Einschnitt ja, das definitive Ende einer Ära nein. Uli Hoeneß darf und soll zurückkommen – als Macher, als Lenker, als Ikone. Beschädigt, aber eben nicht zerstört.

Und dennoch hinterließ der selbstbewusste Auftritt des Ex-Präsidenten bei mir ein Unbehagen. Zu selbstbewusst, zu großspurig erschien mir die Inszenierung des Uli Hoeneß, der sein kriminelles Verhalten fortwährend als „Fehler“ bezeichnete, für dessen Folgen er geradestehen werde (was bleibt ihm auch anderes übrig?). Mag man darüber streiten, was genau eigentlich unter einem Fehler zu verstehen ist, im Falle einer Steuerhinterziehung von mindestens 30 Millionen Euro muss der Begriff jedoch verharmlosend wirken.

Fehler oder mehr – über die Formulierung wird man letztlich hinweg sehen können. Dass Hoeneß seinen womöglich letzten großen Auftritt vor Haftantritt aber gleichzeitig zu einem Angriff gegenüber Berichterstattern, Kritikern, und Gegnern nutzte, bereitet auch mir Bauchschmerzen. Gewiss, Hoeneß selbst wird seine Anklage der Medien wohl eher als Verteidigung denn als Attacke betrachten – ihr Zeitpunkt wirkt in jedem Fall ungünstig. Es sind nicht die Tage der Hoeneß’schen Verbaloffensive.

Nein, Hoeneß muss nicht zu Kreuze kriechen, weder jetzt, noch nach Absitzen seiner Strafe. Er muss nicht in selbstverleugnende Demut verfallen, um wieder breite Anerkennung zu erfahren. Doch will er wirklich – nicht nur unter Bayern-Anhängern – Reputation zurückerlangen, so sollte er zumindest versuchen, die abgrundtiefe Kluft zwischen formuliertem Anspruch und gelebter Wirklichkeit aufzulösen. Weshalb er sich bei seinen öffentlichen Auftritten als moralisches (Finanz-)Gewissen gerierte, um im Schutze seines Pagers das genaue Gegenteil zu exerzieren, erscheint nach wie vor allenfalls als moderne Interpretation von Dr. Jeckyll und Mr. Hyde verständlich.

Uli Hoeneß hat Wasser gepredigt und Wein gesoffen. Warum, weiß nur er. Er wird diese Frage beantworten müssen. Mit juristischer Verantwortung hat dies nichts zu tun. Wohl aber mit persönlicher Glaubwürdigkeit.