In Demut genießen

27. April 2015

Das allseits erhoffte Wunder von München ist ausgeblieben. Nein, was die Fußballwelt am Dienstagabend in der Allianz-Arena miterleben konnte, war kein Wunder, kein mit Ach und Krach gewonnener Kampf auf Biegen und Brechen, keine epische Schlacht mit Spannung bis zur letzten Sekunde, in der gerade noch so ein vermeintlich verlorenes Duell gedreht werden konnte. Der Auftritt des FC Bayern im Rückspiel gegen den FC Porto glich, ohne damit in realitätsferne Euphorie zu verfallen, einer Fußball-Demonstration – einem ekstatischem Rausch, an den sich jeder Beobachter wohl noch in Jahren wird erinnern können. Insbesondere in den ersten 45 Minuten lieferten die Bayern eine Vorstellung nahe der Perfektion ab. Tolle Kombinationen, berauschender Offensivfußball, kompromisslose Zweikampfstärke, sicheres Abwehrverhalten und all das gekrönt von fünf zum Teil grandios herausgespielten Toren. Uli Hoeneß hätte wohl wieder „Jack Daniels“ bemüht: Besser geht’s nicht.

Innerhalb einer Woche wurde aus „zu Tode betrübt“ wieder einmal „himmelhochjauchzend“. Wie so oft im Fußball schlugen die Extreme erneut auf beeindruckende und aus Bayern-Sicht bittersüße Weise zu. Und dennoch: Die in dieser Form nicht für möglich gehaltene Wandlung macht stutzig und hinterlässt Fragen: Wie kann sich eine Mannschaft innerhalb weniger Tage so unterschiedlich präsentieren? Sind die Bayern wirklich so stark, wie sich im Rückspiel präsentiert haben? Oder hat das Hinspiel womöglich nicht doch elementare Schwächen offengelegt? Waren Kritik und Enttäuschung nach dem ersten  Spiel vielleicht doch überzogen?

Auf die letzte Frage kann es als Antwort nur ein klares Jein geben: Die Leistung der Bayern in Porto war, da hilft keine Schönrederei, miserabel und den Ansprüchen des Vereins nicht genügend. Die haarsträubenden Abwehrschnitzer, das hemdsärmelige Offensivspiel, die fehlende Konzeption machten atemlos. Zur Umschreibung der Hinspiel-Leistung muss man wohl den Anti-Daniels heranziehen: Schlechter ging’s nicht. Und doch hatte die allgemeine Aufregung und die Sorge um ein mögliches Viertelfinalaus doch etwas Hysterisches, stand sie doch in keinem Verhältnis zu der allgemeinen Situation des Vereins.

Gewiss, das Theater um Müller-Wohlfahrt und seinen wie auch immer zustande gekommenen unwürdigen Abgang ist ein Indiz für interne Probleme, die man mit einem Uli Hoeneß ganz sicher besser lösen und nach außen kommunizieren könnte. Aber sonst? Steht der Verein aktuell blendend da – und zwar sowohl wirtschaftlich auch sportlich. Dabei geht es weniger um die Erfolge in der laufenden Saison, die zum jetzigen Zeitpunkt weiterhin die Chance auf das Triple bietet, als vielmehr um die nun schon seit Jahren anhaltende Schönwetterlage über der Säbener Straße. Fakt ist: Der FC Bayern erlebt die beste Phase seiner Vereinsgeschichte und jeder Fan sollte sich froh und glücklich schätzen, diese miterleben und genießen zu dürfen. So gut wie in diesen Jahren war es lange nicht mehr, nein, war es noch nie um die Geschicke des Vereins bestellt – trotz mancher Konflikte, Verletzungen und einem hier und da zu vernehmenden Knirschen im Gebälk. Die Fakten sind eindeutig und beeindruckend:

Viermal in Folge haben die Bayern nun das CL-Halbfinale erreicht. In den letzten fünf Jahren stand man dreimal im Finale des wichtigsten Vereinswettbewerbs der Bundesliga.

In diesem Jahrtausend haben die Bayern (bis auf das Jahr 2001, als man die CL gewann) immer, wenn sie Meister wurden, auch den Pokal gewonnen. So stehen in den letzten 15 Jahren insgesamt acht Doubles zu Buche. Bis dahin war dies in 100 Jahren Vereinshistorie lediglich zweimal gelungen.

Kantersiege, wie sie vor zehn, 20 Jahren noch eine Rarität waren, sind inzwischen fast schon an der Tagesordnung. Ob 8:0 gegen Hamburg, 6:0 gegen Bremen oder 7:0 gegen Donezk – die Bayern verwöhnen ihre Fans regelmäßig mit echten Spektakelmatches.

Diese und die letzten zwei Meistertitel werden souverän und bereits mehrere Spieltage vor Abschluss der Saison gelungen. Mit beeindruckenden Punkte- und Torbilanzen, wie sie zuvor kaum denkbar erschienen.

Robben, Ribery, Lewandowski, Lahm, Thiago, Alaba, Boateng & Co. – die Bayern haben die beste Mannschaft ihrer Geschichte.

Machen wir es kurz: Der FC Bayern befindet sich in der ultimativen, perfekten Phase. Niemand weiß, wie lange sie noch andauern wird. Doch so lange sollte man sie auskosten bis zum Letzten und sich bei jeder noch so berechtigten Kritik an Spielerleistungen und Trainerarbeit vergegenwärtigen, wie klein die Makel und Fehler doch sind angesichts des wunderbaren großen Ganzen. Ein bisschen Demut kann auch als Fan des FC Bayern nie schaden.

Dies sage ich durchaus mit einem guten Schuss Selbstkritik. Auch ich schimpfe und nöle dann und wann rum und vergesse dabei, wie gut ich es als Bayern-Fan augenblicklich doch habe. Wenn ich an die Zeit Mitte der 90er Jahre zurückdenke, als mein Verein vor allem als FC Hollywood auf sich aufmerksam machte und auf dem Rasen mit wechselhaftem Erfolg und durchwachsener Qualität agierte, dann wird mir klar, wie toll und einzigartig diese Zeit doch ist. Damals habe ich nur davon geträumt, dass man mit souveräner Selbstverständlichkeit die Liga dominiert, regelmäßig Torfestivals feiert und jedes Jahr eine Hauptrolle bei der Vergabe des CL-Titels spielt. Jetzt ist diese Zeit da, die ich mir immer herbeigesehnt habe. Ich bin dankbar und glücklich über diese Ära, die hoffentlich noch lange fortdauern wird.

Wir wissen ja: Der Mensch lässt sich nicht alles gefallen. Zwangsläufig entwickelt er einen Widerstand gegen all das, was ihm nicht passt. Dies zeigt sich nicht zuletzt in der Vielzahl moderner Resistenzen, die im Falle nützlicher Errungenschaften wie der Bildung zuweilen heikel sein kann. Wem dies jetzt nichts sagt, der möge die Unkenntnis der Bildungsresistenz auf eigene Bildungsresistenz zurückführen. Manchmal kann die Abwehrhaltung aber auch übertriebene Maße annehmen und als unbewusste Reaktion des Immunsystems unkontrollierbar sein. In diesem Fall spricht man gemeinhin von einer Allergie, die sich klassischerweise gegen Blütenpollen, Tierhaare und Lebensmittel richtet.

Die Forschung beobachtet nun vermehrt neuartige Allergieformen mit ungewöhnlichen Angriffszielen. Intelligenz, Beziehungen, Arbeit – vieles von dem, was dem Menschen einst erstrebenswert erschien, meint der Körper jetzt immer häufiger in einer allergischen Schockreaktion von sich fern halten zu müssen. Diesen Eindruck muss man  zumindest gewinnen, wenn man sich einmal aufmerksam umschaut und vor allem umhört. Dabei wird man unweigerlich eine beängstigende Zunahme an Intelligenzallergikern feststellen. Genau genommen sind dies aber auch nur die Trottel und Idioten von Gestern. Sie waren die derben und nicht gerade einfallsreichen Herabwürdigungen leid und verlangten nach neuen, humorvollen Schmähbegriffen. Ihr Wunsch wurde erhört. In Anlehnung an die besagten Bildungsresistenzler werden sie jetzt ganz zurückhaltend als Intelligenzallergiker bezeichnet. Ob diese Diagnose nun medizinisch zutreffend ist, mag zweifelhaft sein. Zumindest aber dürfte diese etwas neutraler gehaltene Verunglimpfung den Betroffenen allemal lieber sein als die eintönigen Erniedrigungen der Vergangenheit. Schließlich stellt eine Allergie ja eine Erkrankung dar, die den Menschen in aller Regel völlig unverschuldet trifft.

Während Dummköpfe sich also Vorwürfe für ihre haarsträubende Idiotie gefallen lassen müssen, können Intelligenzallergiker ganz entspannt auf die Launen der Natur verweisen. Kaum anders sieht es da bei den Millionen Beziehungsallergikern aus. Sie genießen das Privileg, ihre dauerhafte Bindungsunfähigkeit auf eine überschießende Reaktion des Immunsystems schieben zu können. Und auf vergleichbare Weise ist es Arbeitsallergikern möglich, Untätigkeit und Faulheit mit körpereigenen Abwehrprozessen zu entschuldigen. Kleiner Haken an der Sache: Inzwischen ist die Medizin so weit, auch hartnäckigste Allergien zu heilen oder zumindest zu lindern. Womit den Ausreden auch schon wieder die Grundlage entzogen wäre.

Geduld ist nicht gefragt

13. April 2015

Der Absturz von 4U9525 macht auch Wochen danach noch fassungs- und ratlos. Eine Katastrophe, wie man sie sich so – unter diesen Umständen – nicht hat vorstellen können und wollen. Doch sie ist geschehen und hinterlässt neben zahlreichen Fragen auch einige Erkenntnisse. Über die Sicherheit der Luftfahrt, über die menschliche Psyche, über gesellschaftliche Solidarität und vor allem auch über den medialen Umgang mit einem schockierenden Inferno.

So verwunderte es nicht, dass sich bereits am Tag der Katastrophe alle Magazine und Talkshows dieses Themas annahmen, das die Öffentlichkeit und jeden Einzelnen bewegte und deprimierte. Doch wie es so ist angesichts eines Szenarios, dessen Hintergründe noch vollends im Dunklen liegen, wurde denn auch skrupel- und schonungslos über die möglichen Ursachen spekuliert. Wie es denn zu diesem furchtbaren Unfall gekommen wäre? Ob die Sensorentechnik veraltet sei? Warum so alte Flugzeuge überhaupt denn noch im Einsatz seien? Allesamt Fragen, die sich in diesem Zusammenhang als irrelevant erweisen sollten.

Doch der moderne Mensch erträgt Ungewissheit nun einmal nicht und vermag es nicht sich zu gedulden, ehe die wahren Umstände ans Licht kommen. So lange muss denn erst einmal prognostiziert, interpretiert und spekuliert werden – als Überbrückung bis zur Veröffentlichung harter Fakten. Dies mag man als Ausdruck der menschlichen Natur, auf die die Medien bei der Gestaltung ihrer Programme Rücksicht zu nehmen haben, so hinnehmen. Und doch zeigt sich hieran doch die Schnelllebigkeit des Geschäfts, in dem das gesprochene Wort schon am Folgetag keine Bedeutung mehr beanspruchen kann.

Umso schöner und wünschenswerter wäre da ein Bemühen um Nachhaltigkeit. Der Versuch, Thesen aufzustellen, deren Halbwertszeit mehr als eine Woche beträgt und die nicht schnell als „Geschwätz von gestern“ abgetan werden müssen. Doch dazu bedarf es eben auch einer guten Portion Selbstdisziplin und innerer Einkehr – im schnelllebigen Mediengeschäft von heute zwei doch eher anachronistische Größen.