Der Unverwechselbare

25. Januar 2016

Sportkommentator zu sein, ist wahrlich ein undankbarer Job. Man kann seine Aufgabe noch so gut bewältigen und wird doch fortwährend von der Kritik argwöhnischer Zuschauer begleitet, die meinen, alles viel besser zu können und zu wissen. Ein Phänomen, das in Zeiten von Social Media und virtueller Demokratie immer größere, schlimmere Auswüchse erfährt. Da gehört es dann wohl zum Berufsrisiko, regelmäßige Shitstorms über sich ergehen lassen zu müssen und – daraus folgend – Verbalinjurien und Anfeindungen im Stadion zu ertragen.

Wer wüsste dies alles besser als Marcel Reif, Chefkommentator bei SKY, und in den Augen/Ohren vieler Fußballfans so etwas wie das Enfant terrible der deutschen Reporterzunft. Wohl kein Sportjournalist hat in den vergangenen Jahren so viel Widerspruch, Häme und aggressionsgeladene Kritik erfahren müssen wie der 66-Jährige. Dabei ging der Protest, der Reif entgegenschlug, oftmals weit über das Maß dessen, was ein Mensch in seinem Beruf ertragen sollte, hinaus. Gewaltandrohungen und Pöbeleien sind absolut inakzeptabel – ganz gleich, welche Prominenz das Opfer auch haben mag.

Marcel Reif hat sich nun entschieden, seine Reporterlaufbahn zu beenden und das Kommentatoren-Mikro bei Seite zu stellen. Sein Entschluss zog, wie nicht anders zu erwarten, ein breites Echo nach sich, in das sich allerlei unterschiedliche Töne mischten – von Erleichterung über Sarkasmus bis zum Bedauern. Sachliche Einordnungen dagegen blieben eher die Ausnahme. Marcel Reif polarisiert eben bis zum Schluss. Dabei hätte er es nach seiner langen und durchaus aufsehenerregenden Karriere verdient, eine fachlich-nüchterne Bewertung seiner Arbeit zu erfahren.

Die wohlwollende Einordnung, die man bei SPIEGEL online quasi als Gegenpol zu dem in den sozialen Kanälen zu vernehmenden Spott vornahm, wurde diesem Anspruch genauso wenig gerecht wie die flapsig-unreflektierte Ablehnung, die Reif von manch einfach gestricktem Fußball-Fan entgegenkommt. Nein, man kann den Sky-Kommentar nicht einfach, wie es SPIEGEL online tat, nonchalant als „Den Besten“ titulieren und sämtliche Zweifel an seiner Arbeit als Randbemerkungen gegenüber einem Unantastbaren abtun. Reif war nicht der Beste, sondern (neben Fritz von Thurn und Taxis) der Unverwechselbarste. Sein gekonntes Spiel mit der Sprache, seine pointierten, mitunter überheblichen Kommentare, seine entschiedene Form der Einordnung machten ihn Zeit seiner Reporterkarriere zu einer einzigartigen, unverkennbaren Figur des deutschen Sportjournalismus – aber damit eben nicht zwangsläufig zum Optimum.

Fakt ist, Reifs Arbeit lieferte gerade in den letzten Jahren genügend Angriffspunkte für sachliche Kritik. Dabei geht es nicht um die von Verschwörungstheoretikern behauptete Nähe zu bestimmten Vereinen. Nein, die sportliche Unparteilichkeit kann man Reif nicht absprechen. Er ging in kein Spiel mit einer Vorliebe für den einen oder einer Ablehnung des anderen Vereins. Aber er konnte sie im Laufe des Spiels entwickeln, sich regelrecht in Rage reden, um Schritt für Schritt jede sachliche Distanz zu verlieren. Da wurde das unterlegene Team schon mal in Grund und Boden verspottet, während man sich im orgiastischen „Überragend“-Rausch an den Darbietungen der dominierenden Mannschaft aufgeilte, selbst wenn diese im Lauf des Spiels deutlich an ekstatischer Kraft verloren. Hierin genau liegt der Hauptvorwurf, den sich Reif gefallen lassen muss: Er schlug sich oftmals auf eine Seite, ohne später den Weg zurück zur Mitte zu finden.

Dass ihm nebenbei auch manch handwerklicher Fehler unterlief (die sich häufenden Verwechslungen von Spielernamen sind dafür nur eines von vielen Beispielen) kann man dabei fast vernachlässigen. Und doch fügen sie sich in ein differenzierteres Bild eines deutschen Sportjournalisten, der über seine Sprachgewalt hinaus nicht immer journalistischen Standards gerecht wurde. Gleichwohl war (und ist) Marcel Reif eine Ikone der deutschen Sportkommentatoren. Weil er alles war, aber ganz sicher nie langweilig. Weil er Wortschöpfungen gebrauchte, wie man sie von seinen Kollegen nie hören würde. Weil er Akzente setzte, wie man sie so nicht für möglich gehalten wurde. Deshalb ist sein Abgang, trotz aller sachlichen Kritik, ein Verlust.

Bye bye, Pep!

18. Januar 2016

Es war im Grunde nicht anders zu erwarten. Dass Pep Guardiola seinen Vertrag beim FC Bayern nicht verlängern würde, konnte letztlich niemanden mehr überraschen. Dass Carlo Ancelotti sein Nachfolger sein würde, ebenso wenig. Ich selbst hatte mir noch einen Restfunken Hoffnung (nennen wir es besser Illusionismus) bewahrt, dass Guardiola entgegen aller Vorzeichen doch länger in München bleiben würde. Die Enttäuschung blieb denn auch nicht aus. Ich hätte mir gewünscht, Pep hätte Bayern noch ein paar Jahre trainiert und der Mannschaft weiter seinen ganz besonderen Stempel aufgedrückt. Denn fest steht: Unter seiner Ägide zeigt der FC Bayern München den besten Fußball der Vereinsgeschichte. Dass sich dies bislang noch nicht in einem internationalen Titel niedergeschlagen hat, ändert nichts an dem Befund: Guardiola hat dem Verein gut getan. Und ja, er würde ihm auch weiter gut tun.

Dass der Spanier nach drei Jahren eine neue Herausforderung suchen würde, liegt letztlich wohl an seiner Philosophie als Trainer, in der der Verein eben doch vor allen Dingen eines ist: Ein Projekt. Und Projekte sind per definitionem eben zeitlich begrenzt. Drei Jahre sind für ihn da augenscheinlich eine angemessene Dauer. Als Fan würde man sich eine längerfristige Entwicklung wünschen.

So bleibt die Frage, wie es nach Guardiola weitergehen wird. Wird Ancelotti sein Projekt weiterführen oder einen Neuanfang machen. Mit anderem Spielstil, anderer Philosophie, anderem Erscheinungsbild. Ich jedenfalls wünsche mir Kontinuität, soweit sie denn möglich ist. Sollte, wovon auszugehen ist, der Kader nicht entscheidend umgeformt werden, so sollte eine Weiterführung der Spielidee Guardiolas möglich sein. Mit Ancelottis ganz eigenen Akzenten und seiner ganz eigenen Ansprache an die Mannschaft. Vielleicht liegt hierin eben auch eine große Chance. Schaun mer mal…

Schrecken einer Nacht

11. Januar 2016

Auf der Welt – auch in Deutschland – passiert jede Menge Mist. Das ist so und das wird man auch nicht ändern können. Es kommt nur darauf an, wie man damit umgeht. Diese Binsenweisheit wurde unlängst in Köln auf traurige Weise belegt. Denn der Mist, der sich dort in der Silvesternacht zutrug, erfuhr gleich von mehreren Seiten nicht den Umgang, der angebracht gewesen wäre. Die sexuellen und räuberischen Angriffe auf Frauen auf dem Bahnhofsvorplatz waren gleichwohl kein bloßer Mist, sondern eine Form von schwerer Kriminalität, wie wir sie niemals tolerieren sollten.

Umso schlimmer ist es, dass es der Polizei nicht gelang, dem widerwärtigen Treiben einen Riegel vorzuschieben und offensichtlich keine Mittel hatte, um den Frauen auch nur ansatzweise Schutz zu bieten. Wie ein Hohn liest sich dann die Pressemitteilung vom 1. Januar, in der von einer weitestgehend ruhigen Nacht die Rede war. Auch Bürgermeisterin Reker schien im Umgang mit den Vorfällen überfordert zu sein. Ihre wohlgemeinten Verhaltenstipps für Frauen, die möglichst immer eine Armlänge Abstand zu potentiellen Räubern halten sollen (wie soll das in der Praxis eigentlich funktionieren?), wirken nicht nur hilflos, sondern erscheinen durch ihre Verkehrung von Täter- und Opferrolle wie eine Kapitulation des Rechtsstaats. Ein bedenkliches Signal, das das Vertrauen in die Ordnungsbehörden sicher nicht stärken wird.

Dass schließlich rechtspopulistische Parteien und Hetzer auf Facebook die Straftaten für ihre fremdenfeindliche Propaganda instrumentalisierten, erschreckt einerseits, überrascht andererseits aber nicht. Insofern bleibt ein durch und durch trauriges Fazit nach den Attacken der Silvesternacht: Die Taten selbst waren furchtbar und widerwärtig, die Reaktion der Verantwortungsträger und der Öffentlichkeit besorgniserregend.