Das furchtbare Erdbeben in Haiti, welches mehr als 100.000 Todesopfer geopfert hat, verschließt sich eigentlich jedweder Kommentierung. Zynische Interpretationsversuche, die die Katastrophe als rebellischen Akt der Natur deuten, verbieten sich genauso wie hilflose Beschreibungen des Unbeschreiblichen.

Gleichwohl muss die Art und Weise, in der die deutsche Öffentlichkeit auf die Tragödie in Mittelamerika reagiert hat, Befremden auslösen. Vor allem die Heuchelei der zur Schau gestellten Anteilnahme in den Medien erreichte zuweilen unerträgliche Ausmaße. Womit nicht die überwältigende Spendenbereitschaft der Gesellschaft gemeint ist. Zumindest nicht vorrangig. Denn auch sie hinterlässt ein ungutes Gefühl. Ein Gefühl, das wohl in die Frage mündet, wieso die Hilfsbereitschaft bei akuten Schreckensnachrichten derart ausgeprägt ist, bei dem schleichenden Elend, wie es Tag für Tag in Afrika anzutreffen ist, hingegen nicht.

Die Erwägung, dass sich medial in den Mittelpunkt gerückte Naturkatastrophen eignen, um durch eine entsprechende Spende das schlechte soziale Gewissen zu befriedigen, dürfte mehr sein als nur ein Verdacht. Die Dinge liegen auf der Hand, bedürfen denn auch keiner weiter Erörterung. Denn auch hier gilt wie so oft der alte Grundsatz vom Zweck, der die Mittel heiligt. Für die Menschen, die tagtäglich mit den Folgen von Hunger und Armut konfrontiert sind, dürfte dies allerdings nur ein schwacher Trost sein.

Das alles mag man hinnehmen – im Sinne der Sache. Nicht mehr hinnehmbar ist die Scheinheiligkeit, mit der die Kommentatoren (ob Journalisten, Schauspieler oder Politiker) ihr Mitleid bekunden und eine erhöhte Aufmerksamkeit für das vernachlässigte Land in der Karibik einfordern. Denn was sich schön und zukunftsweisend anhört, wird sich alsbald als Lippenbekenntnis erweisen. Jetzt, da die Weltaufmerksamkeit auf Haiti gerichtet ist, geziemt es sich, eine nachhaltige Förderung der Infrastruktur zu postulieren. Eine Förderung, die man über all die Jahre versäumt hat und die man jetzt endlich nachholen wolle.

Wenn es denn wirklich so kommen sollte (was man aus heutiger Sicht als Illusion bezeichnen muss), wird man sich die Frage stellen müssen, wieso es erst dieser Naturkatastrophe bedurfte, um endlich zu helfen. Falls nicht (wovon auszugehen ist), bleibt einem nichts anderes übrig, als die zum Himmel stinkende Scheinheiligkeit gebetsmühlenartig anzuprangern.

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