Elitäre Gewalt?

19. April 2010

Es scheint in diesen Tagen, als wollten die Enthüllungen über Missbrauchsfälle an deutschen Schulen kein Ende nehmen. Immer neue widerliche Details über perverse Vergewaltigungen und Quälereien werden offenbar und hinterlassen grundlegende Fragezeichen über das (Schul-)System an sich. Wie können ausgebildete Pädagogen zu solchen Gräueltaten im Stande sein? Weshalb blieben die grausamen Taten solange im Verborgenen? Und nicht zuletzt die vielleicht schwerwiegendste Frage: Wie viele Verbrechen an deutschen Schulen sind bislang noch unentdeckt?

Man kann nur hoffen, dass all diese Fragestellungen durch eine schonungslose Aufklärung einer umfassenden Beantwortung zugeführt werden. Doch schon jetzt liegen bestimmte Rückschlüsse nahe: So ist doch zumindest bemerkenswert, dass gerade an sogenannten Eliteschulen eine Häufung an Misshandlungen jüngerer Schüler zu verzeichnen ist. Also gerade an den Bildungseinrichtungen, die zumindest in der Vergangenheit auf Disziplin und Drill besonderen Wert gelegt haben. Es ginge gewiss zu weit, die schulische Grundkonzeption quasi monokausal als Erklärung für das eigentlich Unerklärliche heranziehen zu wollen.

Und doch drängt sich der Verdacht auf, als seien die hierarchischen Strukturen zumindest ein guter Nährboden für lakonischen Machtmissbrauch, herabwürdigende Rituale und sexuelle Erniedrigung. Denn wo Befehl und Gehorsam eingeübt werden, kann die Achtung vor der menschlichen Würde schnell in Vergessenheit geraten. Respekt und Empathie weichen dann rasch Dominanz und Herrschsucht. Die Parallele zu den unlängst publik gewordenen Missbrauchsfällen in der Bundeswehr liegt dabei sehr nahe.

Vielleicht liegt ein Teil der Antwort auf die Fragen also in der grundlegenden Struktur von Befehl und Gehorsam, wie sie in ausgeprägter Form an bestimmten Elitegymnasien zu beobachten war und z.T. immer noch ist. Das besondere Gewaltverhältnis, pendelnd zwischen strenger Unterordnung und devoter Unterwürfigkeit, birgt zweifelsohne eine gewisse Versuchung zum Machtmissbrauch in sich. Und gleichwohl entbindet dieser Befund die Täter nicht von ihrer individuellen Schuld. Im Gegenteil. Die latente Anfälligkeit des Systems bürdet den Pädagogen eine zusätzliche Verantwortung auf, eine Pflicht zur Mäßigung und zur Besinnung auf die natürlichen Respektsgrenzen.

So sehr man aber auch strukturelle Defizite als Ursache der Martyrien ausmachen will, so sehr versagt dieser Ansatz doch, wenn es darum geht, die abartigen sexuellen Übergriffe von Lehrern auf Schüler begreifbar zu machen. Diese bleiben weiterhin unerklärlich, vor allem aber unentschuldbar.