Bärendienst

22. November 2010

Ein Jahr ist nun sein Robert Enkes tragischem Suizid vergangen. Grund genug für das ZDF-Sportstudio, sich dem Thema Depressionen anzunehmen und mit einem Betroffenen darüber zu diskutieren. Im Gespräch mit Ex-Pauli-Profi Andreas Biermann hinterfragte Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein die Akzeptanz von Depressionen im Profi-Fußball und kam zu einem ernüchternden Ergebnis: Es hat sich wenig getan. Vielleicht sogar gar nichts. Auch wenn DFB-Präsident Zwanziger glaubt, Veränderungen ausmachen zu können und von einer leicht enttabuisierenden Wirkung spricht. Woher er das nimmt, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Fakt ist: Depressionen bleiben ein Tabu im Profisport. Wo alles auf individuelle Stärke ausgerichtet ist, ist kein Platz für Schwächen. So scheint es und so wird es leider wohl auch bleiben. Zumal anerkannte Psychiater jedem Profi-Fußballer davon abraten, eine Depression öffentlich zu machen.

Nun hat sich das ZDF bedauerlicherweise nicht mit einer Gesprächsrunde zum Thema Depressionen begnügt. Denn kurzerhand nahm man einfach auch den Komplex „Homosexualität im Sport“ mit in die Runde und diskutierte darüber mit einem ehemaligen NBA-Profi, der sich inzwischen als schwul geoutet hat. Bekanntlich sind Depressionen und Homosexualität aber verschiedene Dinge. Bei einer Depression handelt es sich um eine mitunter schwerwiegende Erkrankung. Homosexualität gilt zum Glück nur noch in reaktionären Kreisen als Krankheit. Beides verbindet indes nur eines: Es sind Tabuthemen. Mehr nicht. Und deshalb sollte man tunlichst davor zurückschrecken, beide Themen wie selbstverständlich in einen Topf zu werfen. Das ZDF hat es dennoch getan und damit sowohl depressiven als auch homosexuellen Sportlern einen Bärendienst erwiesen. Denn so wird man eben keine Fortschritte erzielen. Fortschritte sind nur möglich, wenn man genau hinsieht und genau differenziert. Aber dafür ist es wohl noch immer zu früh.