Der Berliner an sich

21. Januar 2013

Ich bin ein Berliner. Nein, bin ich nicht. Aber über lange Jahre machte ich mir das Kennedy-Zitat unter Verweis auf meine familiären Wurzeln durchaus gerne zu Eigen und bekannte nicht ohne Stolz, doch auch irgendwie ein Hauptstädter zu sein. Von dem Stolz ist wenig geblieben. Und mein Bekenntnis zu Berlin fällt inzwischen eher kleinlaut aus.

Spätestens seit dem Flughafen-Desaster ist die Identifikation mit Berlin kein Ruhmesblatt mehr. Die deutsche Hauptstadt ist längst so etwas wie die Metropole des Chaos‘. Aussichtslos verschuldeter Haushalt, Gewaltexzesse an Schulen, Akten-Skandale und nicht zuletzt die irrwitzige Hertha. Das Berlin des 21. Jahrhundert ist ein Fall für Pleiten, Pech und Pannen.

Doch wie konnte es dazu kommen? Wieso scheint in Berlin nichts mehr in geraden Bahnen zu verlaufen, warum scheint jegliches Projekt früher oder später ins Elend zu führen? Ist das alles nur Zufall oder liegt vielleicht ein grundsätzliches Problem dahinter? So richtig wird das wohl auch der Berliner selbst nicht wissen. Und ich als inzwischen kleinlauter Halb-Berliner erst Recht nicht - aber ich habe eine Vermutung: Es könnte mit der Berliner Persönlichkeit zu tun haben.

Gewiss, es gibt nicht den einen Berliner. Auch in Preußen gilt das rheinische Motto „Jeder Jeck ist anders”, und dennoch lassen sich bestimmte Berliner Grundeigenschaften nicht von der Hand weisen. Der Berliner an sich ist ein herzlicher Mensch, manchmal schnodderig, manchmal liebevoll, aber eben doch mit dem Herz am rechten Fleck. Ein liebenswürdiger Zeitgenosse, dessen Charme sich dem Ausländer nicht unbedingt auf den ersten Blick erschließt.

Aber der Berliner an sich ist auch unstet, ja launisch. So schnell wie er sich begeistern kann, kann er diese Begeisterung auch wieder verlieren und seine einstige Euphorie gegen enttäuschtes Desinteresse eintauschen. Dann hat es sich mit dem großen Eifer, dann folgt das desillusionierte Abwinken. Ja, der Berliner ist ein emotionaler Mensch, der seine Emotionen gerne lebt zu Lasten einer vernünftigen Linie. So sympathisch dies auch sein mag, so schwierig kann dies werden, wenn sich die Probleme türmen.

Und in Berlin häufen sich - nicht erst seit der Wiedervereinigung - die Herausforderungen. Herausforderungen, denen die Berliner Seele auf Dauer nicht gewachsen ist und die früher oder später ins Chaos führen - trotz der vielbeschworenen Preußischen Tugenden.

Berlins Problem ist also das Problem der Berliner. Aber womöglich ist das auch ein zu einfacher Erklärungsversuch. Wer bessere Analysen zu bieten hat, möge sie vorbringen.

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