Nur Gutes über Tote?

23. April 2007

Die Geltung eines althergebrachten Grundsatzes, nach dem man über Tote nur Gutes zu sprechen habe, ist nicht frei von Zweifeln. Denn warum soll die Ehrlichkeit im Tode ein Ende finden und der Scheinheiligkeit weichen müssen? Dass sich der Verstorbene nicht mehr zu wehren vermag, darf nicht dazu führen, dass man seiner Person plötzlich kritiklos begegnet.

Mag man also insoweit noch über die Berechtigung dieses Prinzips streiten können, so sollte andererseits doch eindeutig sein, dass der Tod eines Menschen keine Legitimation dafür liefert, sonnige Legenden über ihn zu verbreiten. Oder anders formuliert: Der Tod mag zum Schweigen verpflichten, aber gewiss nicht zur Lüge berechtigen. So selbstverständlich diese Erkenntnis doch sein sollte, hat sie sich offenbar doch nicht bis zum baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger herumgesprochen. Dieser besaß die Kühnheit, den jüngst verstorbenen ehemaligen Regierungschef Baden-Württembergs Hans Filbinger als einen Gegner des NS-Regimes zu huldigen und ihn gleichsam von jedweder persönlicher Verantwortung freizusprechen. Oettinger zur Folge habe kein Mensch durch das Handeln Filbingers sein Leben verloren. Diese Behauptung ist jedoch nicht nur mutig, sondern erwiesenermaßen falsch. Filbinger hat (Un-)Recht im Namen des nationalsozialistischen Systems gesprochen und in dieser Funktion an Todesurteilen mitgewirkt.

Es bleibt somit die Frage, was Oettinger zu seinen Ausführungen, die er anlässlich der Trauerfeier für Filbinger getätigt hat, veranlasst hat. Dabei erscheint es eher abwegig, dass Oettinger von dem, was er zur Rolle Filbingers geäußert hat, tatsächlich überzeugt ist. Hiergegen spricht vor allem, dass er sich aufgrund des immer stärker werdenden Drucks der Politik und Medien inzwischen von seiner Rede distanziert hat. Denn eine wirkliche Überzeugung kann nicht durch öffentlichen Druck beseitigt werden. Naheliegender scheint dagegen schon die Vermutung, dass ihn eine fehlgeleitete Vorstellung vom Andenken Verstorbener zu seinem Fauxpas verleitet hat. Dies ist umso schwerwiegender, als dass die Leugnung der Verfehlungen Filbingers ein Schlag ins Gesicht seiner Opfer ist und somit ihr Andenken beschädigt.

Im Rahmen der politischen Empörung hat der SPD-Vorsitzende Kurt Beck den Verdacht ausgesprochen, dass Oettinger seine Aussagen gezielt getätigt habe, um so am rechten Rand des Wählerspektrums zu fischen. Der Verdacht, dass Politiker ihr Handeln an demoskopischen Gesetzen ausrichten, ist naheliegend. Und wer wüsste es besser als Kurt Beck, dass jede öffentliche Handlung eines Politikers stets auf ihre Wirkung gegenüber der Wählerschaft abzuklopfen ist. Gleichwohl sollte man es sich nicht so leicht machen und jede verunglückte Äußerung zur deutschen Vergangenheit als Bad im braunen Sumpf abstempeln. Denn manchmal sind die Motive eben doch vielschichtiger – so wie auch im Falle Günther Oettingers, dessen Umgang mit Filbinger eher durch Verunsicherung als durch Kalkül gekennzeichnet ist, was jedoch sein Auftreten nicht minder peinlich erscheinen lässt.