Bayern wird erwachsen

29. September 2008

Das Ergebnis der Landtagswahlen in Bayern hat historische Dimensionen. Nach 45 Jahren hat die CSU erstmals die absolute Mehrheit verloren und sank um über 17% Prozentpunkte auf für ihre Verhältnisse lächerliche 43,4%.  Es bleibt die Frage nach dem ‘Warum’ für das CSU-Desaster.

Die wirtschaftspolitischen Probleme Bayerns sind weiterhin überschaubar und vermögen dieses Ergebnis nicht zu erklären. Auch die latente Unzufriedenheit über das rigide Nichtrauchergesetz, das sich in einem trotzigen Leitspruch “Wir können auch ohne CSU“ einiger Gastwirte manifestierte, kann die erdrutschartigen Verluste der CSU nicht begründen. Was ist also geschehen, dass die CSU plötzlich nicht mehr die alleinige Haus-und Hofpartei Bayerns darstellt.

Es scheint fast so, als sei Bayern ein Stück weit erwachsen geworden.  Es hat sich emanzipiert von dem autoritären Selbstverständnis der Christsozialen. Die Gleichung „Bayern  = CSU“ gilt – zumindest in dieser Absolutheit – nicht mehr.  Unter Strauß und Stoiber, ja selbst unter dem weit weniger patriarchalischen Max Streibl, hatte Bayern stets den Charme einer gefühlten Monarchie, in der Meinungspluralität ein Schattendasein fristete. Diese Zeiten sind mit dem Rückzug Edmund Stoibers und der Installierung der Doppelspitze Beckstein/Huber vorbei.

Das unbeholfene Führungsduo konterkarierte ihr monarchisches Credo durch Konzeptlosigkeit und unglückliche Selbstdarstellung. Dabei trifft dieser Vorwurf in erster Linie den Vorsitzenden Erwin Huber, der bis zuletzt mehr als unerfahrener Novize denn als selbstbewusste Leitfigur agierte. Es verwundert daher nicht, dass zunächst nur Huber, der in seinem Amte heillos überfordert schien, seinen Rücktritt erklärte und das Zepter wohl an Horst Seehofer weiterreichen wird.

Seehofer scheint dem Amt eines Parteivorsitzenden gewachsen. Er ist überdies einer der wenigen CSU-Politiker, die sich in ganz Deutschland größerer Popularität erfreuen. In Bayern und insbesondere in den Reihen der CSU ist seine Person allerdings nicht ganz unumstritten. Auf ihn kommt definitiv eine Menge (Überzeugungs-)Arbeit zu. In jedem Falle dürfte sein Führungsstil ein anderer als der eines Stoiber oder Strauß sein und weit weniger absolutistische Züge besitzen.

Wer die Entwicklung der CSU in den letzten Jahren näher beleuchtet, wird nicht an der Personalie Gabriele Pauli vorbeikommen. Sie hatte ihren Anteil daran, dass Edmund Stoiber vorzeitig seine Ämter aufgab und die CSU zur Notlösung Beckstein/Huber gezwungen wurde. Insofern hat Pauli, auch wenn ihr Auftreten zuweilen kindlich-verspielte Ansätze hatte, entscheidend dazu beigetragen, dass Bayern endlich ein bisschen erwachsen geworden ist. Bayern ist nicht mehr gleich CSU und das ist, so sagt man es in Preußen, auch gut so.